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Tagblatt Online, 30. Juni 2012, 11:06 Uhr

Eine neue Strategie für die Alpen

Die Alpenregionen auf der Suche nach grenzübergreifender Zusammenarbeit. Zoom

Die Alpenregionen auf der Suche nach grenzübergreifender Zusammenarbeit. (Bild: Adrian Baer / NZZ)

Der Alpenraum soll in Europa mehr Gewicht erhalten. Das ist das Ziel einer neuen, über die staatlichen Grenzen hinausgreifenden Strategie, welche die Alpenregionen angestossen haben. Auch die Schweiz könnte profitieren.


Jörg Krummenacher, Bad Ragaz

Jörg Krummenacher, Bad Ragaz

«Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen.» Der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder brachte auf den Punkt, was die Konferenz der Alpenregionen am Freitag an ihrer Tagung in Bad Ragaz beschloss. Die Regionen des Alpenbogens wollen in der europäischen Politik mehr Gehör finden, und deshalb initiieren sie eine makroregionale Strategie für den Alpenraum.

«Herzkammer» Europas

Solche Strategien, basierend auf dem 2009 in Kraft gesetzten Lissabonner Vertrag, sind im EU-Raum bisher für den Ostsee- und den Donauraum erarbeitet worden, weitere Regionen sollen folgen. Die Alpenregionen wollen aus doppeltem Grund nicht im Abseits stehen: Erstens geht es darum – soweit sie zur EU gehören –, möglichst stark am Topf der Fördermittel aus Brüssel zu partizipieren, zweitens rufen die Probleme im Alpenraum nach koordinierten Lösungen und effizienterer Zusammenarbeit.

Das gemeinsam erarbeitete, 25 Seiten umfassende Initiativpapier wird nun den nationalen Regierungen und der Europäischen Union zugeleitet. Der sankt-gallische Regierungsrat Willi Haag, der die Konferenz in Bad Ragaz leitete, sprach von einem starken politischen Signal zugunsten der «Herzkammer» Europas, in der insgesamt 55 Millionen Menschen wohnen.

Geschlossenes Auftreten

An der Entstehung des Papiers waren alle Alpenregionen zwischen Provence und Slowenien beteiligt. Das geschlossene Vorgehen sei notwendig, um mit dem nötigen politischen Gewicht auftreten zu können. Die Regionen wollen sich auch bei der Erarbeitung und Umsetzung der Alpenstrategie beteiligen, obwohl dies letztlich Aufgabe der EU sein würde.

Für die sechs beteiligten Schweizer Kantone St. Gallen, Graubünden, Tessin, Uri, Schwyz und Wallis steht naturgemäss nicht der Griff nach zusätzlichen Mitteln aus Brüssel im Vordergrund, viel eher die Hoffnung auf ein koordiniertes Vorgehen bei der Lösung anstehender Probleme. Willi Haag nannte die Initiative eine zusätzliche Chance, die Schweizer Anliegen zu placieren. Im Vordergrund stehen drei Ziele: die Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, die Sicherung des Naturhaushalts der Alpen und ihrer Funktion als Wasserspeicher Europas sowie die Entwicklung eines gemeinsamen alpenquerenden Verkehrskonzepts.

Verlagerung auf die Schiene

Aus Schweizer Sicht interessiert derzeit vor allem der letzte Punkt. Das Initiativpapier skizziert die Situation auf den wenigen alpinen Verkehrskorridoren, von denen die österreichische Brennerroute den höchsten Anteil an alpenquerendem Güterverkehr zu schlucken hat. Auch in Zukunft sei mit einem überproportionalen Anstieg des Verkehrs durch die Alpen zu rechnen. Ein Grund dafür sei die fehlende Kostenwahrheit zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern, die zu niedrigen Preisen im Strassenverkehr führten. Kritisch vermerkt wird auch, dass die bisherigen, wenig koordinierten Versuche, die negativen Folgen des Verkehrs einzudämmen, wenig gefruchtet hätten. Nötig sei deshalb eine Harmonisierung der verkehrspolitischen Rahmenbedingungen im Alpenraum.

Die Alpenregionen fordern sodann, ganz im Sinne der Schweizer Verlagerungspolitik, einen Ausbau der Schiene und eine Verlagerung des Strassengüterverkehrs auf die Bahn. Um dies zu erreichen, hätten sich die Staaten und Regionen auf eine gemeinsame Verkehrspolitik zu verständigen, die im Kern eine Verkehrssteuerung umfassen solle. Um die Schiene zu stärken, seien zudem bestehende Hemmnisse abzubauen.



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
adolf31 (01. Juli 2012, 10:37)
Dann

schützen wir die alten Steine und erklären diese als moderne Kunst...

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deich (01. Juli 2012, 10:24)
Idylle

Das mit der "Verlagerung auf die Schiene" hört man nun schon derart lange, dass es enorm schwer fällt, noch daran zu glauben, es jemals in einer Form erleben zu können, die den Strassentransit tatsächlich merkbar entlastet und die ökologischen Negativfolgen ein Stück verkleinert. Gleichzeitig zur Konferenz in Bad Ragaz träumt man von einem weiteren Autobahntunnel durch das Herz der Alpen. Das ist die neue Ausgangslage. Ein Schelm, der glaubt, dass bei einer zweiten "Röhre" nur gleichviel Verkehr durch den Granit fliessen würde, wie jetzt. Der Stau in den Zugangstälern ist programmiert. Und oben, in den Ferienestinationen, schiessen immer mehr "Resorts" aus dem Boden. Der wahre Schutz der Alpen, würde er ernst genommen, verlangte Massnahmen, an die wir uns zuerst gewöhnen müssten: Reduktion des Verkehrs auf allen Ebenen! Ist das überhaupt noch denkbar? Sind wir ihm nicht schon hoffnungslos verfallen? Wo und wer ist die treibende Kraft?

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