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Tagblatt Online, 9. August 2012, 08:52 Uhr

Die Winzer des Lavaux bieten Franz Weber die Stirn

Rebberge bei St. Saphorin im Kanton Waadt. Blick über den Genfersee in Richtung Westen. Zoom

Rebberge bei St. Saphorin im Kanton Waadt. Blick über den Genfersee in Richtung Westen. (Bild: swiss-image.ch/Marcus Gyger)

Zum dritten Mal wird in der Waadt Anfang 2013 über den Schutz der Region Lavaux abgestimmt. Die Gegner von Franz Webers Initiative möchten den Landschaftsschützer mit seinen eigenen Waffen schlagen.


Andrea Kucera, Lausanne

Zweimal haben die Waadtländer bereits über den Schutz des Weinbaugebietes Lavaux östlich von Lausanne abgestimmt – zum ersten Mal 1977 und ein zweites Mal 2005. Beide Male haben sie den Schutzbestimmungen zugestimmt. 2007 wurde die Region, die für ihre von Steinmauern durchzogenen Weinberge bekannt ist, als bedeutendes Weltkulturerbe in die Liste der Unesco aufgenommen. So weit, so gut.

Weinbauern unter Druck

Voraussichtlich im März 2013 wird in der Waadt erneut über das Lavaux abgestimmt werden – und zum ersten Mal machen auch die Weinbauern der Region mobil gegen die neuen Schutzbestimmungen.

Hinter der Initiative «Sauver Lavaux III» stecken, wie bereits bei den ersten beiden Initiativen, der umstrittene Landschaftsschützer Franz Weber sowie der Verein «Sauver Lavaux». Die Initianten machen geltend, dass die Region trotz ihrem Status als Unesco-Welterbe nicht ausreichend geschützt ist, und sehen die Hauptursache dafür im Bau von neuen Immobilien – Villen und Industriebauten –, die das Gesamtbild verschandelten. Wird die Initiative angenommen, dürften künftig im gesamten Lavaux keine neuen Bauten erstellt werden – selbst auf Gebiet, das zurzeit noch als Bauzone deklariert ist.

Das gehe definitiv zu weit, sagen sich immer mehr Leute im Lavaux – allen voran die Präsidenten der zehn Gemeinden der Region. Sie haben gemeinsam mit einer Gruppe von Weinbauern eine Sammelaktion für den bevorstehenden Abstimmungskampf lanciert. Zudem haben sie in der Person von Marc Comina einen versierten Kommunikationsfachmann als Mediensprecher gewinnen können. Das Hauptargument der Initiativgegner lautet, dass nicht die Immobilienbranche, sondern die wirtschaftlichen Schwierigkeiten das Lavaux bedrohten – und dass die Initiative den Weinbau gar zusätzlich in Bedrängnis bringe. «Die Initiative entzieht den Weinbauern jegliche Möglichkeit, sich anzupassen und sich weiterzuentwickeln», sagt Maurice Neyroud, Mitglied des Nein-Komitees und Besitzer eines Rebbergs im Lavaux. Sie dürften beispielsweise keine neuen Weinkeller bauen und auch keine neuen Räumlichkeiten für die Bewirtung von Gästen und den Direktverkauf an Touristen.

Dabei ist laut Neyroud gerade letztere Verkaufsstrategie in einem wirtschaftlich zunehmend schwierigen Umfeld immer wichtiger geworden. Unter anderem durch die Konkurrenz von billigeren Weinen aus dem Ausland nehme der Druck auf die Weinbauern des Lavaux immer mehr zu. Bereits hätten einzelne das Handtuch geworfen, sagt Neyroud. Dieser Ton in der Debatte um das Lavaux ist neu. Bis anhin hatten die Gegner von Franz Weber vor allem damit argumentiert, dass das Lavaux bereits ausreichenden Schutz geniesst – erst Mitte Juli ist die revidierte Lex Lavaux in Kraft getreten, die unter anderem die Schaffung einer Kommission vorsieht, die jedes Neubauprojekt auf seine Vereinbarkeit mit den Prinzipien eines Unesco-Welterbes überprüft. Nun gehen die Gegner einen Schritt weiter, indem sie den Spiess umdrehen. Sie werfen den Initianten vor, dass diese, statt das Lavaux zu schützen, die Zukunft der Region als Weinbaugebiet gefährdeten.

Natur contra Kultur

Franz Webers Initiative sei ein Schlag ins Gesicht dieser Leute, die Jahr für Jahr in mühseliger Arbeit die Steinmauern zwischen den Rebbergen ausbesserten, sagt Marc Comina. «Dabei ist es den Winzern zu verdanken, dass das Lavaux sein charakteristisches Gesicht erhalten hat.» Die Initiative täusche demgegenüber vor, dass es sich beim Lavaux um eine schützenswerte Naturlandschaft handle, die es zu konservieren gelte. Dabei sei das Gebiet eine Kulturlandschaft, in der gearbeitet und gelebt werde – als solche sei das Lavaux im Übrigen auch von der Unesco eingestuft worden. Für den Herbst haben die Initiativgegner den eigentlichen Beginn ihrer Kampagne in Aussicht gestellt. Im Zentrum sollen dabei laut Comina die Winzer des Lavaux stehen, nicht wie bei den Initianten die Landschaft allein. Bereits haben sich rund 115 Winzer für die Sache der Initiativgegner einspannen lassen.

Ob diese Strategie aufgeht, ist indes alles andere als gewiss. Franz Weber ist ein Profi in Sachen direkte Demokratie. Erst im März hat er mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative einen unerwarteten Sieg eingefahren. Suzanne Debluë, Sekretärin des Vereins «Sauver Lavaux», ist jedenfalls überzeugt davon, dass die Waadtländer auch der dritten Initiative aus dem Hause Weber zustimmen werden. Sie ist überzeugt: «Die Leute sind für den Schutz des Lavaux.» Den Widerstand der Weinbauern erklärt sie sich damit, dass diese die Initiative für einen Angriff auf ihr Privateigentum hielten. Dabei sei der Schutz der Rebberge doch eigentlich im Interesse der Winzer. – Der Waadt steht ein heisser Abstimmungskampf bevor.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
deich (09. August 2012, 09:33)
Die Moderne

Das Gebiet ist eine von Menschenhand geschaffene, landwirtschaftliche (Rebbau) Region mit grossem ästhetischen Reiz, wie es übrigens einige gibt in Europa. Diese Gegend "zweckentfremdet" (private Villen) zu verbauen, macht natürlich keinen Sinn. Dagegen sollte den Winzern der Bau zeitgemässer Kelteranlagen und Keller und- in bescheidenem Masse - zweckbezogener Besuchereinrichtungen nicht verboten werden. Das sichert die Existenzgrundlage der Weinproduzenten. Übrigens werden heute weltweit architektonisch bemerkenswerte Anlagen für Winzer gebaut, die in ihrer herausragenden Architektursprache sogar Unesco-Ansprüchen genügen (sollten). Es müssen nur "die richtigen Leute" eingespannt werden. Das muss beim Rebbau ja sowieso der Fall sein (ist es meistens auch!), um erfolgreich wirtschaften zu können.

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