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Tagblatt Online, 6. August 2012, 13:24 Uhr

Die Insel im Ticino

Franco Migliarinis Urgrossvater hat im «Grotto dei due ponti» früher Hufeisen und Kuhglocken geschmiedet. Zoom

Franco Migliarinis Urgrossvater hat im «Grotto dei due ponti» früher Hufeisen und Kuhglocken geschmiedet. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Das Leventiner Dorf Giornico ist wegen seiner Kirchen bekannt. Hier liegt aber auch die einzige Insel im Fluss Tessin. Das Grotto dort ist ein Ort der inneren Einkehr und gemahnt an die brachliegenden touristischen Möglichkeiten.


Peter Jankovsky

Wer die Gotthard-Route befährt, kommt unweigerlich an Giornico vorbei. Hierbei fallen dem Beobachter die vielen Kirchtürme auf, die im Dorf in der unteren Leventina stehen. Von den insgesamt sieben Kirchen suchen Touristen vornehmlich die drei ältesten auf, von denen die eine sogar von reinem romanischem Stil ist. Giornicos Dorfbild wird noch immer von uralten Steinhäusern beherrscht, und vielleicht ist dem einen oder anderen Besucher sogar bewusst, dass nahe diesem Ort eine Schlacht stattfand: Im Winter 1478 besiegten hier eidgenössische Truppen die Mailänder und übernahmen die Herrschaft über die Leventina.

Auch das in Giornico angesiedelte Museo etnografico della Leventina ist einen Besuch wert; allein schon die zu Ehren von Landvögten und österreichischen Prinzessinnen angefertigten Aussenfresken sind prächtig anzusehen. Allerdings wird das Museum zwecks grösserer und modernerer Ausstellungsräume zurzeit umgebaut; die Wiedereröffnung soll im nächsten Sommer erfolgen. Wer dieser Tage also enttäuscht vor der geschlossenen Pforte des Museum steht, den erwartet eine überraschende Möglichkeit der Wiedergutmachung. Bloss einen Steinwurf entfernt liegt nämlich im Fluss Ticino eine Insel – die einzige, die es gibt. Sie wird von zwei romanischen Brücken mit dem Ufer verbunden und ist noch immer ganzjährig bewohnt. Bereits im 14. Jahrhundert fanden auf der «Isola dei due ponti» wirtschaftliche Aktivitäten statt: Es gab eine Mühle, eine Schmiede und eine Sägerei. Später kam eine Schokoladenfabrik dazu, die um 1850 herum ihre Blütezeit hatte.

Einst Schmiede, nun Grotto

Vor fast zwanzig Jahren wurde die alte Schmiede zum Grotto umfunktioniert. «Mein Urgrossvater hat hier Hufeisen und Kuhglocken geschmiedet, und ich habe mich überzeugen lassen, statt eines Wohnhauses ein Restaurant daraus zu machen», sagt Besitzer Franco Migliarini. Diesen Entschluss hat er nie bereut: Das «Grotto dei due ponti» hat im Sommerhalbjahr geöffnet und ist immer voll. Von den rund 5000 jährlichen Gästen sind mehr als die Hälfte Deutschschweizer, die von Mundpropaganda angelockt werden. Sogar ehemalige Bundesräte wie Ruth Dreifuss und Flavio Cotti haben hier gespeist.

Erholung beim Essen. Darauf führt der stets gutgelaunte Grotto-Besitzer die Beliebtheit seines Lokals zurück. Die Gäste sitzen in der Pergola und geniessen nicht nur die währschafte Küche, sondern auch die Aussicht auf den nahen Ticino mit den beiden uralten Brücken. Die Gespräche sind gedämpft, man erfreut sich an der Ruhe und dem Rauschen des Wassers. «Hier geniesse ich das Schöne und finde zu mir selbst», erklärt Diana Tenconi. Die Leiterin des ethnologischen Museums ist gerne zu Gast, um geistige Erholung mit guter Küche zu kombinieren.

Natürlich kann sie nicht umhin, den historischen Einschlag des Ortes in sich aufzunehmen, der ihr damit zur beruflichen Inspiration wird. Tenconi organisiert Führungen durch Giornico, und die Insel ist eine der Stationen; die Museumsleiterin fände es schön, hier einen Ausstellungsraum mit lokalem Bezug einzurichten. So könnte die Attraktivität dieses Ortsteils wie auch ganz Giornicos gesteigert werden, das laut Tenconi noch zu wenige Touristen kennen. Weil die Leventina von Wirtschaftsmisere und Abwanderung geprägt ist, kann die Zukunft des vor Geschichtlichkeit strotzenden Dorfes nur eine touristische sein. Kulturelle Einrichtungen sollten also noch enger mit dem regionalen Tourismusbüro zusammenarbeiten. Ausserdem müssten in der ganzen Leventina mehr touristische Strukturen geschaffen werden – in Giornico selbst gibt es nicht einmal Übernachtungsmöglichkeiten.

Die Brücken als Sinnbild

Grotto-Besitzer Migliarini dachte vor Jahren daran, ein Nachbarhaus auf der Insel zu kaufen und so nebst dem Restaurantbetrieb eine weitere touristische Struktur zu schaffen. Doch dann gab er den Plan auf: Wegen Überschwemmungsgefahr erschien ihm die wirtschaftliche Unsicherheit zu gross. Nur allzu lebendig bleibt Migliarinis Erinnerung an das Ticino-Hochwasser vom September 2007, als die Fluten die Häuser auf der Insel wegzureissen drohten. Ausserdem möchte er in Ruhe das Leben geniessen und die Welt bereisen, solange er noch fit sei, erklärt der frühpensionierte Grundschullehrer mit schalkhaftem Lachen.

So gemahnt die Ticino-Insel an die brachliegenden touristischen Möglichkeiten Giornicos. Gleichzeitig enthüllt sie ihren existenziellen Wert: Die Erinnerung an die kleinindustrielle Vergangenheit verweist auf die Kontexte, in welchen das Leben der Menschen, die auf der Insel in Ruhe über sich nachdenken, steckte und heute steckt – die «Isola dei due ponti» wird zum Schnittpunkt geschichtlicher und persönlicher Identität. Dafür könnten die beiden Brücken als Sinnbild stehen. Und das Fazit? Museumsleiterin Tenconi hat eine schlichte Antwort parat: das Jetzt geniessen. Man kehrt im Insel-Grotto ein, um innere Einkehr zu bewirken – diese schliesst Genüsslichkeit mit ein.



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