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Tagblatt Online, 10. August 2012, 12:30 Uhr

Breiter Support für Knabenbeschneidung

Das Kinderspital Zürich sistiert die Beschneidung von Knaben. Dabei hat sich das Parlament unlängst hinter diese Praxis gestellt. Auch Rechtsexperten halten den Entscheid für fragwürdig.


Markus Häfliger, Bern

Ist die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Knaben illegal? Seitdem das Landgericht Köln dies bejaht hat, ist in Deutschland eine heftige Auseinandersetzung entbrannt. Nun hat das Kinderspital Zürich die Debatte in die Schweiz importiert. Es führt wegen ethischer und rechtlicher Bedenken bis auf weiteres keine religiös motivierten Beschneidungen mehr durch.

Bis jetzt gab es hierzulande einen breiten Konsens, dass die Knabenbeschneidung zulässig sei. Noch nie wurde ein Schweizer Arzt wegen eines solchen Eingriffs zur Verantwortung gezogen. Und das Parlament hat erst vor kurzem seinen Support für diese Praxis erklärt. Der Auslöser war eine parlamentarische Initiative von Maria Roth-Bernasconi (sp., Genf): Gestützt darauf haben die eidgenössischen Räte im September 2011 einen Sondertatbestand für die Verstümmelung weiblicher Genitalien geschaffen; der neue Paragraf ist am 1. Juli 2012 in Kraft getreten. In diesem Kontext wurde die Frage aufgeworfen, ob man aus Gründen der Gleichbehandlung nicht auch die Knabenbeschneidung verbieten müsste.

Diese Frage habe die Kommission explizit verneint, sagt deren damalige Präsidentin Anita Thanei. Die Kommission befand, die Knabenbeschneidung sei «grundsätzlich nicht problematisch». Sie habe weder physisch noch psychisch negative Folgen, sagt Thanei. Bei Frauen werde mit der Genitalverstümmelung hingegen gezielt das sexuelle Empfinden verändert; zudem hätten viele in der Folge gesundheitliche Probleme.

Auch der Bundesrat schloss sich dieser Haltung an. Er befand zwar, die Beschränkung auf Frauen sei «nicht ganz konsequent». Diese Ungleichbehandlung lasse «sich nur insoweit rechtfertigen, als die schwere Art der Verletzung weiblicher Genitalien über den Hauptfall der männlichen Beschneidung hinausgeht». Nur SVP-Nationalrat Dominique Baettig stellte diese Sichtweise infrage: Er war der einzige von 246 Parlamentariern, der den neuen, auf Frauen beschränkten Tatbestand ablehnte. Aufgrund dieses einhelligen, erst kürzlich erfolgten Parlamentsvotums hält Thanei den Entscheid des Kinderspitals Zürich für wenig verständlich und «übereilt». Das Kinderspital handle «in Unkenntnis der Schweizer Situation», sagt auch der Jurist und Nationalrat Daniel Vischer (gp., Zürich). Mit seinen Erwägungen vom September habe das Parlament den bestehenden Konsens in Sachen Knabenbeschneidung noch präzisiert und aktualisiert, sagt Vischer. «Ich bin deshalb überzeugt, dass das Bundesgericht nicht zur gleichen Auffassung käme wie das Kölner Gericht.»

Der emeritierte Strafrechtsprofessor Günter Stratenwerth hält die Verurteilung eines Arztes noch aus einem anderen Grund für unwahrscheinlich. Zwar handle es sich bei der Knabenbeschneidung «ohne Zweifel um eine Verletzung des Körpers des Kindes». Strafrechtlich würde es sich aber um einfache Körperverletzung handeln, die nur auf Antrag verfolgt werde, sagt Stratenwerth. Nur der Betroffene oder seine gesetzlichen Vertreter könnten Strafantrag stellen. Das wären also die Eltern des Knaben – und diese haben die Beschneidung ja in aller Regel veranlasst. «Deshalb gibt es in diesen Fällen keinen Kläger», sagt Stratenwerth. In Köln hingegen hat die Staatsanwaltschaft den Arzt von Amtes wegen angeklagt.

Der Freiburger Strafrechtsprofessor Marcel Niggli hält den Kölner Entscheid auch juristisch für fragwürdig. Knaben würden zwar oft aus religiösen Gründen beschnitten. Im Unterschied zur Frauenbeschneidung habe dies aber gesundheitlich nachweisbar positive Folgen; so werde etwa die Gefahr einer Ansteckung der Sexualpartnerinnen mit Krebs reduziert. Wegen dieser positiven Effekte hält Niggi den Zürcher Operationsstopp für nicht nachvollziehbar. «Konsequenterweise», sagt Niggli, «müsste man sonst auch jede Art von Schönheitsoperation sistieren.»

Zürcher Beschneidungs-Moratorium hat eine Vorgeschichte

sig. Das Urteil der Richter in Köln und der vorläufige Verzicht auf Knabenbeschneidungen in Zürich haben die breite Öffentlichkeit überrascht. Aus heiterem Himmel kommen die Beschlüsse aber nicht. Die Beschneidung von minderjährigen Buben wurde in Deutschland seit rund einem Jahrzehnt vermehrt in Zweifel gezogen – von Strafrechtlern, aber auch vom Gesundheitspersonal, insbesondere vom Verband der Kinder- und Jugendärzte.

Das Landesgericht Köln zitiert in seinem Urteil über die Beschneidung eines Vierjährigen eine Reihe von sich widersprechenden Lehrmeinungen. Es betrachtet die Knabenbeschneidung als Körperverletzung und als unvereinbar mit den im Grundgesetz verankerten Rechten des Kindes. Befürworter der Beschneidung wollen das Urteil ans Bundesverfassungsgericht weiterziehen, um Klarheit zu schaffen.

Regierung und Opposition (mit Ausnahme der Linkspartei) haben angekündigt, die Beschneidung möglichst rasch durch einen Gesetzeserlass explizit zu erlauben. Trotzdem haben mehrere deutsche Spitäler ein Moratorium beschlossen, bis die Rechtslage geklärt ist, darunter auch das Jüdische Krankenhaus in Berlin.

Am letzten Wochenende publizierte die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» neue Informationen über die Umstände der Beschneidung in Köln, welche den Richtern bekannt waren, aber nicht publiziert wurden. Demnach war der Vierjährige nach der Beschneidung wegen Nachblutungen zehn Tage lang in klinischer Behandlung. Laut dem Kölner Urteil sind solche Komplikationen mögliche Folgen einer Beschneidung. Jedenfalls habe der angeklagte Arzt «nach den Regeln der ärztlichen Kunst» gearbeitet. – In allen europäischen Staaten sind Beschneidungen grundsätzlich erlaubt, in manchen aber nur geduldet. In den Niederlanden etwa sind die Ärzte verpflichtet, von Beschneidungen abzuraten. Immer mehr Berufsverbände sprechen sich dagegen aus. Die Reaktion der Schweizer Spitäler bestätigt diesen Trend.



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Leser-Kommentare:
5 Beiträge
ith.eduard (23. Juli 2012, 10:39)
Beschneidung ist eine Straftat!

Eine medizinisch nicht indizierter Eingriff am Körper eines noch nicht handels- und urteilsfähigen Menschen (Kind) ist ganz klar in der Schweiz eine Straftat! Dass im Fall der Beschneidungen das Strafrecht so überdehnt strapaziert wird, ist unhaltbar! Da helfen auch all die Erklärungsversuche von Herrn Alec von Graffenried (Vize-Präs. Rechtskommission NR) nichts. Zudem hat das Bundesgericht wiederholt in seinen Rechtsprechungen unmissverständlich festgehalten, dass sich die Religionsfreiheit an den Schranken der Gesetze unseres Rechtsstaates erschöpft! Alle, die in unserem Land leben (wollen), haben sich ausnahmslos an unser Recht zu halten! Und unsere Exekutive ist verpflichtet diese Rechte ausnahmslos durchzusetzen, alles andere ist Rechtsweigerung!

Das gilt vor allem für die Mohalim, die nicht als Ärzte in der Schweiz zugelassen sind und dennoch medizinische Eingriffe unter Teilnarkose vornehmen. Ein Skandal sondergleichen!

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milou (22. Juli 2012, 17:56)
Zynisch

Der Strafrechtsprofessor Marcel Niggli vergleicht Schönheitsoperationen mit der Beschneidung. So ein Unsinn! Schönheitsoperationen werden von den Patientinnen und Patienten ausdrücklich gewünscht und diese sind volljährig. Das ist einfach zynisch.Weiter ist das Argument, dass eine Beschneidung positive gesundheitliche Effekte habe dumm. Menschenrechte versus Prävention? Wenn die Kommission die Anita Thanei präsidierte zum Schluss kommt, die Beschneidung habe werde physische noch psychische Folgen für die Opfer, so frage ich mich schon, woher die das so genau wissen? Ist es für die Kommissionsmitglieder und die zustimmenden ParlamentarierInnen wirklich nicht nachvollziehbar, dass ein Mann unter der Entstellung seines intimsten Organs leiden könnte? Woher wissen sie, dass dieser Eingriff das Sexualempfinden von Männern nicht beeinflusst? So unsensibel darf man offenbar nur mit Männern umgehen.

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Advokatusdiaboli (21. Juli 2012, 13:16)
Bravo

Deich spricht mir aus der Seele. Mit Religionsfreiheit hat das nun wirklich nichts zu tun, eher mit Indoktrination und Unfreiheit und selbstverständlich mit Körperverletzung. Und zum "Schutz der Kinder" dafür zu plädieren, dass diese religiöse Körperverletzung weiter geführt werden darf, weil sie ja medizinisch korrekt durchgeführt wird, ist ein unmögliches Argument. Dann ist eine medizinisch korrekt durchgeführte Amputation der Hand wegen Diebstahls aufgrund der Scharia nur noch ein gradueller Unterschied...

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werinheri (21. Juli 2012, 11:34)
@ DEICH

Ihren Kommentar ist nichts hinzuzufügen. Kompliment.

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deich (21. Juli 2012, 09:06)
Würde

Ich glaube nicht, dass jemand beweisen kann, es handle sich nicht um eine "Körperverletzung". Religiöse Vorstellungen sollten nicht dort verwirklicht werden, wo der betreffende Mensch (noch) keine Möglichkeit hat, selbst zu entscheiden. Die Menschenwürde steht dem Vorgang der Beschneidung diametral entgegen und kann nicht "stellvertretend" abgewickelt werden. Diese "Würde" ist im Wortsinn "unantastbar", in welchem Alter auch immer versucht wird, sie infrage zu stellen. Mit "Religionsfreiheit" hat dieser Eingriff in einem aufgeklärten Zeitalter nichts zu tun.

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