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Tagblatt Online, 28. Juni 2012, 16:01 Uhr

Behutsame Öffnung zur Präimplantationsdiagnostik

Die Präimplantationsdiagnostik soll unter restriktiven Bedingungen in der Schweiz erlaubt werden. Zoom

Die Präimplantationsdiagnostik soll unter restriktiven Bedingungen in der Schweiz erlaubt werden. (Bild: AP/Fred Ernst)

Im Rahmen einer künstlichen Befruchtung soll es künftig erlaubt sein, Embryonen vor der Einpflanzung auf schwere Erbkrankheiten zu untersuchen. Der Bundesrat arbeitet bis in einem Jahr eine entsprechende Vorlage aus.


Markus Hofmann

In Fragen, in denen es um Leben und Tod geht, benötigt der Bundesrat mehrere Anläufe, bis er eine Antwort findet. Eine Neuregelung der Suizidbeihilfe schubladisierte er nach mehreren Versuchen. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) hat er am Donnerstag nun einen weiteren Vorschlag präsentiert, wie das geltende Verbot aufgehoben werden könnte. Bereits vor drei Jahren hatte der Bundesrat angestrebt, das PID-Verbot etwas zu lockern; der Versuch scheiterte jedoch, da er sich als praxisuntauglich herausstellte. Bei der PID untersucht ein Spezialist im Rahmen einer künstlichen Befruchtung den Embryo auf Krankheiten und Anomalien, bevor er in die Gebärmutter eingepflanzt wird.

«Brutale Folgen»

Unter restriktiven Bedingungen soll die PID in der Schweiz nun erlaubt werden für Paare, «bei denen aufgrund ihrer genetischen Veranlagung die Gefahr besteht, dass ihr Kind von einer schweren Erbkrankheit mit brutalen Folgen betroffen sein könnte», wie Bundesrat Alain Berset im Bern vor den Medien in Bern sagte. Als Beispiel nannte er die Mukoviszidose und die spinale Muskelatrophie.

Heute liessen sich Embryonen auf rund 200 Erbkrankheiten untersuchen, sagte Matthias Enderle vom Bundesamt für Gesundheit. Ein systematisches Screening der Embryonen will Berset aber nicht zulassen. Es muss also gezielt nach vermuteten Erbkrankheiten gesucht werden. Ebenfalls nicht zulässig soll es sein, die PID zur Erkennung von Trisomie 21 (Down Syndrom) durchzuführen. In diesem Fall ist weiterhin nur die Pränataldiagnostik erlaubt, die dann je nach Befund zu einer Abtreibung führen kann.

Dass hier gewisse Widersprüche bestehen, gestand Berset ein. Denn mit der PID will man ja gerade spätere Abtreibungen verhindern. Berset verteidigte den Vorschlag des Bundesrates aber: Er sei immerhin eine Verbesserung der heutigen Situation. Zurzeit dürften ja auch schwere Erbkrankheiten erst im Mutterleib diagnostiziert werden.

Auch die Erzeugung von sogenannten Retter-Babys soll in der Schweiz verboten bleiben – anders als etwa in Grossbritannien. Retter-Babys sind Kinder, die mit einer Gewebe-Spende ihr krankes Geschwister retten oder zumindest dessen Lebensqualität verbessern können. Neu sollen Paare im Laufe einer künstlichen Befruchtung pro Behandlungszyklus acht statt lediglich drei Embryonen in vitro entwickeln lassen dürfen. Aufheben will die Regierung zudem das Verbot, Embryonen aufzubewahren, um sie allenfalls später einzupflanzen. Mit diesem Schritt werde die Zahl von Mehrlingsschwangerschaften gesenkt, die mit Risiken für Mutter und Kinder verbunden seien, sagte Berset. Die Regierung rechnet aufgrund ausländischer Erfahrungen mit 50 bis 100 PID-Fällen pro Jahr in der Schweiz. Diese würden in spezialisierten Kliniken durchgeführt, sagte Enderle.

Breite Debatte erwartet

Die Neuregelung bedarf nicht nur einer Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes, sondern auch der Bundesverfassung (Artikel 119). In der Vernehmlassung gingen die Meinungen auseinander. CVP, EDU, EVP und kirchliche Organisationen lehnten eine Lockerung des PID-Verbots ab. FDP, SP, Wissenschafter und Spitäler verlangten hingegen eine weitere Öffnung der PID. Zufrieden mit dem bundesrätlichen Vorschlag waren die SVP und die CVP-Frauen.

Bis ins Frühjahr 2013 soll die Botschaft zuhanden des Parlaments ausgearbeitet werden, sagte Berset. Da die Bundesverfassung wegen der Erzeugung von acht Embryonen und der Erlaubnis der Aufbewahrung von Embryonen geändert werden muss, werden Volk und Stände über die Vorlage befinden. Berset erwartet und erhofft eine breite Diskussion über das sensible Thema der PID. Die Frage der Grenzen vorgeburtlicher Untersuchungen müssten politisch und gesellschaftlich diskutiert werden, sagt er.



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