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Tagblatt Online, 28. Juni 2012, 16:58 Uhr

Asylunterkunft auf dem Rhein

Die MS Hispania im Hafen Oberwesel. Zoom

Die MS Hispania im Hafen Oberwesel. (Bild: Michaela Lorch)

Weil der Kanton Basel-Stadt keine Liegenschaft für vom Bund zugewiesene Asylbewerber findet, wird ein ehemaliges Hotelschiff als Unterkunft eingesetzt. Die Anwohner wehren sich – doch ein ähnliches Projekt verlief 1988 weitgehend problemlos.


Von Daniel Gerny

Nirgendwo stossen die Behörden auf Begeisterung, wenn sie in einem Ort oder Quartier die Einrichtung einer Asylunterkunft ankündigen. Unruhe, Empörung und Sorge um die Wohnqualität oder eine Erhöhung der Kriminalitätsrate sind die Folge – weshalb nicht erstaunlich ist, dass sich derzeit auch manche Bewohner des Basler St.-Johann-Quartiers zur Wehr setzen. Auch hier, im dichtbesiedelten, auch verkehrsmässig und durch eine rege Bautätigkeit in den letzten Jahren stark belasteten Stadtteil, der überdies einen Ausländeranteil von über 40 Prozent aufweist, beabsichtigt die Regierung die Eröffnung einer Unterkunft für Asylbewerber.

Umfragen und Beschwerden

Besonderes Aufsehen erregt der Entscheid, weil dafür ein altes Flusskreuzfahrtschiff eingesetzt werden soll, das von einer deutschen Reederei angemietet und demnächst von Rotterdam nach Basel transferiert wird. 90 Leute im Asylverfahren sowie vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge sollen auf dem Schiff untergebracht werden. Es stammt aus den 1960er Jahren und verkehrte zunächst als Reise- und Hotelschiff auf dem Rhein, bevor es in den letzten Jahren als Unterkunft für Arbeiter auf Grossbaustellen diente, wie Renata Gäumann, Asyl-Koordinatorin des Kantons Basel-Stadt, erklärt. Doch im St.-Johann-Quartier, wo das Boot vertäut werden soll, ist man unzufrieden: Von 379 Anwohnern, die kürzlich an einer Umfrage des neutralen Quartiervereins teilnahmen, lehnten fast 80 Prozent das Projekt ab.

Die Schiffs-Lösung, die die Behörden schon im Februar ankündigten (NZZ 11. 2. 12), widerspiegelt nicht nur die angespannte Situation im Asylbereich, sondern auch die Lage auf dem ausgetrockneten Immobilienmarkt. Die Asylzahlen sind nach wie vor hoch, doch Liegenschaften sind schwer zu finden: Seit Monaten sind die Behörden auf der Suche und konnten 2012 nur zwei zusätzliche Liegenschaften mit insgesamt 75 Plätzen in Betrieb nehmen. Gegenwärtig sei niemand bereit, dem Kanton eine weitere, brauchbare Immobilien zu vermieten, sagt Gäumann. Die Unterbringung von Asylbewerbern in einer zusätzlichen unterirdischen Zivilschutzanlage will das Departement vermeiden. Das Schiff soll vorderhand für ein Jahr als Asylunterkunft eingesetzt werden. Dabei ist noch nicht einmal ganz sicher, wann die Unterkunft wirklich eröffnet werden kann. Auch auf dem Beschwerdeweg wehren sich Anwohner – wenngleich sich inzwischen auch ein Komitee an die Öffentlichkeit wandte, das mit dem Flüchtlingsschiff keine Mühe hat.

Parlament war dagegen

Interessanterweise war es die Basler SVP – die mitunter sowohl im Ton als auch in der Sache etwas konzilianter politisiert als die tonangebende Zürcher Schwesterpartei –, die die Idee eines Schiffs zur Unterbringung der Asylbewerber via politischen Vorstoss im Parlament lancierte. Die geschlossenen Linksparteien versenkten den Vorschlag aus einem politischen Abwehrreflex postwendend, wenn auch knapp. Das führte zur fast paradox anmutenden Situation, dass die SVP die Familienfreundlichkeit der Hotelschiffe und deren Vorzüge im Vergleich zu den tageslichtlosen Zivilschutzanlagen anpries, während die SP das Modell leicht säuerlich als nicht funktionsfähig bezeichnete. Inzwischen sind die Linksparteien von ihrer Position weitgehend abgerückt. In aller Stille und unabhängig vom rechtlich nicht bindenden Parlamentsentscheid sondierte das zuständige Wirtschafts- und Sozialdepartement unterdessen weiter.

Dabei zeigte sich, dass die Idee eines Flüchtlingsschiffs auf dem Rhein alles andere als neu ist: Schon im Januar 1988 wurde ein ausrangiertes Hotelschiff übergangsmässig als Asylunterkunft eingesetzt – damals als Empfangsstelle für neu ankommende Flüchtlinge. Auch in den 1980er Jahren waren die bestehenden Unterkünfte aufgrund steigender Asylzahlen ausgebucht. Das Medieninteresse und die Befürchtungen der Anwohner waren – wie heute – gross. Möglicherweise, so hoffen die Basler Behörden, beruhigt sich auch die Lage so schnell und nachhaltig wie damals: Kaum hatten die ersten Flüchtlinge ihre erste Nacht hinter sich, verschwand das Thema aus den Schlagzeilen. Jules Stürzinger, damals stellvertretender Polizeikommandant, erinnerte sich kürzlich in der «Basler Zeitung»: «Es funktionierte alles problemlos.»



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
deich (29. Juni 2012, 10:43)
Oberhalb

Oberhalb Bettwil, lieber UNANGAN, steht "Ihr" militärisches, ungenutztes Barackendorf!

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unangan (28. Juni 2012, 18:19)
immer wieder.....

Unterkunftsproblem im schw. Asylwesen.
Warum sind entsprechend der militärischen Reorganisation von Kasernen... und Barackendörfer.. die einst als Zumutung für schw. Soldaten gebaut und genützt wurden, keine "menschlichen" Unterkünfte, für meist "Wirtschaftsflüchtlinge"...???..
Militärisch straff geführte Tagesstrukturen, die den Unterhalt mit den "arbeitswilligen" Asylanten gewährleisten, wäre, ersten eine sinnvolle Tagesgeschäftigung der "Arbeitswilligen Asylanten-Wirtschaftsflüchtlingen. Und diese "Hausarbeit" als Entschädigung für "Bett und Brot".
Zugestanden... auch ein Tagessold von Fr. 5.00 für ihre eigene "Lebensgrundlagenarbeit" wäre angemessen.
Ich kann mich noch an meine "Diensttage als Rekrut erinnern... Sold per Tag...Fr. 5.00..!!!..
So würden auch die "Handyinformationen" an die "nachfolgenden" Wirtschaftsflüchtlinge lauten.
Wetten... das wäre eine "Asylantenbremse". Und nur "leistungsorientierte" Armen würden "einreisen".

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