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Tagblatt Online, 30. Juli 2012, 18:48 Uhr

Apotheken als erste Anlaufstellen

Erste Abklärungen und Einschätzungen gesundheitlicher Probleme durch die Apothekerin. Zoom

Erste Abklärungen und Einschätzungen gesundheitlicher Probleme durch die Apothekerin. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Über die Rolle der Apotheker wurde bisher bei Reformbestrebungen im Gesundheitswesen kaum nachgedacht. Ihre Fachkompetenzen liessen sich für eine effiziente Medizin nutzen.


Claudia Schoch

Nach dem Nein zur Managed-Care-Vorlage herrscht Ratlosigkeit über das «wie weiter?» in der Gesundheitspolitik. Welche Massnahmen mit Blick auf mehr Einsparungen, Effizienz und eine bessere Garantie der medizinischen Versorgungsqualität könnten überhaupt in einer Volksabstimmung Bestand haben? Wichtig bleibt auch nach dem Nein vom Juni, einen Weg zu finden, um unnötige Arztbesuche und Doppelspurigkeiten bei der medizinischen Behandlung zu vermeiden. In den Notfallstationen der Spitäler beklagt man sich bereits seit langem über den Zulauf von Patienten, die keine Notfallmedizin benötigten und die nicht selten wegen Bagatellen vorbeikämen. Es erklingt denn auch der Ruf nach Einsparungen bei Bagatellerkrankungen. Vor kurzem hat die SVP mit ihrem gesundheitspolitischen Positionspapier mehr Eigenverantwortung namentlich bei nicht schwerwiegenden Erkrankungen propagiert.

Potenzial der Apotheken

Dabei besteht in unserem Land bereits ein dichtes Netz an medizinischer Fachkompetenz, die man noch weit besser nutzen könnte. Beinahe an jeder Tram- oder Busstation befindet sich in grösseren Städten eine Apotheke. Jederzeit kann man sich dort, während 11 Stunden im Tag und länger, medizinischen Rat holen, ohne jede Anmeldung. Dieser ist zudem meist gratis. Warum also nicht den Gang zur Apotheke fördern?

Rasch beim Arzt in einer Videokonsultation

cs. In rund 200 Apotheken der Schweiz wird die Beratung durch den Apotheker seit vergangenem April mit einem Arztbesuch über eine Videokonsultation (Netcare) ergänzt. Laut René Jenni von der Zürcher Leonhards-Apotheke schätzen die Kunden die rasche zusätzliche Dienstleistung. Besonders nützlich ist sie, wenn eine gut erkennbare und nicht besonders schwere Erkrankung vorliegt, zu deren Behandlung ein rezeptpflichtiges Medikament benötigt wird.

Zunächst geht der Apotheker auch hier jeweils einen sogenannten Algorithmus, einen standardisierten Fragebogen, durch, um die Erkrankung einzugrenzen und festzustellen, ob eine Videokonsultation überhaupt notwendig und geeignet ist. In Jennis Apotheke ist dazu ein kleiner, diskreter Beratungsraum eingerichtet, wo der Arzt über Bildschirm den Patienten direkt befragen und auch sehen kann. Viele Patienten bevorzugen es, wenn der Apotheker jeweils dabei ist.

Die Möglichkeiten einer Videokonsultation sind den Patienten allerdings noch wenig bekannt. Zumeist macht Jenni die Ratsuchenden darauf aufmerksam. Viele nutzten diese gerne. Die Skepsis sei erstaunlich gering.

Die Videokonsultationen führen die Ärzte des Schweizer Zentrums für Telemedizin Medgate in Basel durch. Es sind durchwegs Ärzte, die über einen Facharzttitel verfügen und als Oberärzte bei Medgate tätig sind. Medgate hat sich seit 1999 auf das Anbieten telemedizinischer Dienste spezialisiert. Das interdisziplinäre Ärzteteam berät und behandelt rund um die Uhr per Telefon, Internet und Video. Die Medgate-Ärzte fungieren auch als telefonische Anlaufstelle für Versicherte, die in einem Krankenversicherungsmodell mit vorgängiger telefonischer Beratung versichert sind.

Das seit April in den Apotheken installierte Projekt Netcare haben der Schweizerische Apothekerverband Pharmasuisse zusammen mit Medgate, der Krankenversicherung Helsana und Swisscom lanciert. Inzwischen haben sich weitere Krankenversicherer angeschlossen. Diese erstatten denn auch die 48 Franken, die eine Videokonsultation kostet. Die Kosten für die Beratung durch den Apotheker von 15 Franken hat der Ratsuchende selbst zu bezahlen.

Viele tun diesen Schritt zwar schon. Die Inhaberin der Zürcher Apotheke zur Bleiche, Alexandra Endrass-Korach, schätzt die Zahl auf 20 Prozent ihrer Kunden. Doch nutzen, wie Alexandra Endrass feststellt, eher besser gebildete Menschen, eher Frauen und eher Schweizer das Wissen der Apotheker. Als Endrass in einem Quartier Zürichs mit hohem Zuwandereranteil und weniger gut ausgebildeten Kunden arbeitete, war ihr Rat als Apothekerin weniger gefragt. Manches Arztrezept, das ihr vorgelegt wurde, verwies auf eine Erkrankung, für deren Behandlung möglicherweise ein Arztbesuch nicht nötig gewesen wäre.

Ein Hautausschlag, ein Husten, eine fiebrige Erkrankung – ein Gang zu einer Apotheke kann schon vieles klären. Diese sind dafür auch eingerichtet und ihr Personal entsprechend ausgebildet. In der Apotheke von Endrass verlaufen die Beratungen beziehungsweise Befragungen der Ratsuchenden nach zertifizierten Standards. Ihre Mitarbeiter werden darin regelmässig geschult. Jederzeit kann auch nach einer Apothekerin oder einem Apotheker gefragt werden. In jeder Apotheke muss laut gesetzlichen Vorschriften stets mindestens ein akademisch ausgebildeter Pharmazeut anwesend sein. Das Standardverfahren unterstützt die richtige Triage zwischen Ratsuchenden, denen man in der Apotheke weiterhelfen kann, und solchen, die einen Arzt aufsuchen sollten. Auch dabei sind die Apotheken – namentlich, wenn es eilt – behilflich. Sie kennen die Ärzte in der Umgebung und können in dringenden Fällen gleich einen Arzttermin vermitteln. In manchen Kantonen wie beispielsweise Freiburg, Tessin, Waadt oder Bern wird die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern in sogenannten Qualitätszirkeln unterstützt, wovon beide Seiten profitieren.

Kein Grund für einen gesunden erwachsenen Menschen, direkt zum Arzt zu gehen, sind in der Regel etwa ein begrenzter Hautausschlag, eine Erkältung, eine banale Augenentzündung, ein Gerstenkorn am Auge, eine unkomplizierte Harnwegentzündung, harmlose Fiebrigkeit oder kleine Verletzungen. Viele kennen sich heute darin aber nicht mehr aus und wagen es nicht, gesundheitliche Störungen zunächst selbst einzuschätzen. Doch statt gleich zum Arzt zu rennen, warum nicht den Apotheker fragen? Er kann bei der Frage behilflich sein, ob alles harmlos ist oder nicht.

So schickte beispielsweise Alexandra Endrass eine ältere Dame mit einer untypischen Entzündung am Augenlid zum Arzt. Diese entpuppte sich als kleines Basaliom (heller Hautkrebs). Auch dem jungen Mann mit Schmerzen am Knöchel und auffälligen Schwellungen und Hautverfärbungen wollte sie nicht einfach nur ein schmerzstillendes Gel verkaufen, sondern riet ihm, einen Arzt aufzusuchen. Auch bei einem Zeckenstich weiss man in der Apotheke Rat: Wann ist eine ärztliche Behandlung mit einem Antibiotikum erforderlich? Wann ist die Sache harmlos? Umläufe am Finger und andere kleine Verletzungen werden in der Apotheke von Endrass gleich direkt verbunden. So linderte sie auch die Schmerzen des kleinen Buben, der leichte Verbrennungen erlitten hatte, wobei Kinder in der Regel rascher als Erwachsene zum Arzt geschickt werden müssen, wie Endrass betont.

Möglichkeit zu Einsparungen

Schliesslich unterstützen Apotheken verschiedenste Präventionskampagnen. Im April bot man als spezielle Aktion ein Nieren-Screening mit spezifischer Befragung und einem Urintest zur Ermittlung von Nieren-Parametern an – alles für 15 Franken. Ein Arztbesuch wäre teurer. Herz-Checks mit Bestimmung von Blutdruck, Blutzucker, Cholesterinen und Gewichtskontrolle sind an vielen Orten jederzeit möglich. Dabei können freilich nur Aussagen zum Risiko einer Erkrankung gemacht werden. Ähnliche Tests gibt es zur Lungenfunktion. Noch einen Vorteil kennt die Apotheke: Man spricht oft dank mehreren Mitarbeitern mehrere Sprachen.

Der Zugang zur Apotheke ist niederschwellig. Die Beratungen sind gratis; eine Beratungspauschale ist nur auf vom Arzt verschriebenen rezeptpflichtigen Medikamenten zu bezahlen. Sie wird von der Krankenkasse zurückerstattet. Warum also nicht die Apotheke vermehrt als «Gatekeeper» nutzen? Das könnte durch eine gute Triage gerade bei Bagatellfällen Einsparungen bringen. Alexandra Endrass jedenfalls könnte sich vorstellen, dass auch bei der Ausbildung der Apotheker an der Universität beziehungsweise der ETH Zürich noch stärker ihrer späteren Funktion als erste Berater in medizinischen Fragen Beachtung geschenkt würde.



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Leser-Kommentare:
4 Beiträge
Punto (01. August 2012, 08:38)
Man sollte

auch mal mit dem Unsinn des ärztlichen Zeugnisses aufhören wegen einer Grippe. Jedermann/Frau weiss, wenn man eine Grippe hat ist die nicht mit Medikamenten zu kurieren und es braucht min. eine Woche zum Auskurieren. Der Arzt kann (meine Erfahrung) nichts dagegen tun, nur Medis geben zur Linderung, und die kann ich mir auch selber kaufen !

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diethelm (01. August 2012, 11:56)
Ich finde das super,

wenn jemand bereit ist, Grippemedikamente selbst zu zahlen. Wer sonst gesund ist und keine Komplikationen hat, muss wegen einer Grippe wirklich nicht zum Arzt. Blöderweise braucht man aber meistens am 3. Tag ein Zeugnis für den Betrieb und muss dann doch zum Arzt deswegen...

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stgaller (30. Juli 2012, 14:57)
Es gibt gute Beispiele

Als Rucksacktourist hatte ich in Asien eine hartnäckige Infektion am Bein. In Thailand gibt es Anlaufstellen, wo man solche Bagatellen behandeln lassen kann. In der Schweiz könnten das die Apotheken übernehmen. Die Frage ist ob der Patient gewillt ist, die Behandlung zu bezahlen, oder ob es möglich wäre, wenn die Krankenkassen diese Minimalbehandlungen übernehmen könnten. Auch ich meine, es sollte ein Beratungs/Behandlungsraum zur Verfügung stehen.
In der Schweiz können mich die Apotheken noch nicht überzeugen. Scheint es an der Ausbildung zu liegen oder sind die finanziellen Interessen zu stark im Vordergrund ? Oft stelle ich fest, dass gerne das teurere Medikament verkauft wird, am Ende aber das billigste wirklich geholfen hat.

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diethelm (27. Juli 2012, 11:52)
Es kommt darauf an,

um was für Leute es sich handelt. Wer an sich gesund ist und Rat bei Gesundheitsproblemen braucht, kann ihn gut in der Apotheke holen, vorausgesetzt, er braucht kein Arbeitsunfähigkeitszeugnis und ist bereit, rezeptfreie Medikamente selbst zu bezahlen. Chronisch Kranke suchen jedoch besser primär den Hausarzt auf, der ihre gesamte Krankengeschichte kennt. Ausserdem muss die Apotheke einen geschützten Beratungsraum anbieten. Oder wer möchte schon seinen Bauch vor allen anderen Kunden entblössen, um einen Ausschlag zu zeigen.

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