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Tagblatt Online, 19. Juli 2012, 10:58 Uhr

Wohnen im Zwischenraum

Ein Fassädchen unter Fassaden: Das Etgar-Keret-Haus in einer Visualisierung des zuständigen Architekturbüros. Zoom

Ein Fassädchen unter Fassaden: Das Etgar-Keret-Haus in einer Visualisierung des zuständigen Architekturbüros. (Bild: Centrala Designers Task Force)

152 Zentimeter breit wird das schmalste Haus Polens dereinst sein. Eingepfercht zwischen einem Plattenbau aus dem Sozialismus und einem Mietshaus aus der Vorkriegszeit, entsteht eine kleine Trutzburg der Kreativität.


Centrala Designers Task Force

Alice Kohli

Auf früheren Entwürfen sieht es aus wie etwas, was beim Spiel von Giganten zwischen zwei Hochhäusern steckengeblieben ist: ein zerquetschter Ballon etwa oder ein riesenhafter Fussball, dem die Luft ausgegangen ist.

Das Kleinsthaus, das derzeit in Warschau gebaut wird, sieht auf den neusten Plänen zwar schnittiger aus, aber keinesfalls geräumiger: Es soll eines der schmalsten Häuser der Welt werden.

Die Fassade protzt mit einer Breite von 152 Zentimetern; die Wand zur Hofseite misst gerade einmal 92 Zentimeter. Auf 12 Meter Länge und 2 Stockwerken hat dennoch alles Platz, was man zum Leben braucht: ein Schlafzimmer, eine Küchenzeile, ein Büro – und ein kleines Badezimmer.

Bilderstrecke: Etgar-Keret-Haus

  • Ein Fassädchen unter Fassaden: Das Etgar-Keret-Haus in einer Visualisierung des zuständigen Architekturbüros.
  • Eine Studie des im Längsschnitt.
  • Das Stahlgerüst kommt auf vier Füssen zu stehen.

In Warschau entsteht zurzeit ein Haus mit einer inneren Breite von 133 Zentimetern. Es gehört zu den schmalsten Wohnhäusern der Welt.

Im Haus der baulichen Unmöglichkeiten ist aber kein Platz für eine vernünftige Treppe, das obere Stockwerk wird mit einer Leiter erklommen. Das ist mit ein Grund, warum das Haus die Bauauflagen – insbesondere die Brandschutzauflagen – nicht erfüllt.

«Fuge der kreativen Arbeit»

«Das Haus ist deshalb auch mehr als Kunstinstallation gedacht, die sich lediglich für kurzzeitige Aufenthalte eignet», sagt Projektleiter Jakub Szczesny im Gespräch mit der NZZ. Sobald es fertiggestellt ist, soll es zur «Fuge der kreativen Arbeit» werden, in welcher Künstler aller Art residieren sollen.

Zwar ist ein Aufenthalt von über vier Stunden offiziell nicht gestattet, aber das bereitet dem Architekten keine grossen Sorgen. Es sei sogar die Stadtverwaltung gewesen, die vorgeschlagen habe, das Projekt zwecks Bewilligung ganz einfach nicht «Gebäude» zu nennen, sondern «Kunstwerk».

Einer der Künstler, die das Haus bewohnen sollen, ist der israelische Schriftsteller Etgar Keret. Er hatte den Wunsch geäussert, einige Zeit in Warschau zu leben, in der Stadt, in der sich seine Eltern kennengelernt hatten. Das inspirierte die Architekten zum Namen des Projekts, das fortan den Medien als Etgar-Keret-Haus präsentiert wurde.

Herber Charme

Die beiden Häuser, zwischen denen die enge Behausung erbaut werden soll, liegen in der Nähe des ehemaligen Warschauer Ghettos und in Gehdistanz zum Museum des Warschauer Aufstands. Etwas weiter weg erheben sich die Hochhäuser des Stadtzentrums, umschlängelt von Einkaufsstrassen und Flaniermeilen.

Das Viertel besticht durch einen Charme, dem man nur schwerlich verfällt und der dennoch das Gesicht der Stadt prägt. Es ist der herbe Mix zwischen modernistischen Blöcken und Gebäuden aus der Vorkriegszeit, die nicht ganz so gut erhalten werden, wie sie vielleicht sollten.

Die Häuserzeile ist stellvertretend für das ganze Land, in dem in nur einem Jahrhundert zunächst der Krieg mit einem Schlag alles umkrempelte, dann der Sozialismus an Traditionen rüttelte und schliesslich der Kapitalismus neuen Überfluss hervorbrachte.

Der verheissungsvolle Zwischenraum, der nun zu einer neuen Attraktion umgestaltet werden soll, war bis vor kurzem noch eine wilde Abfallhalde. Die Anwohner deponierten, was sie zu Hause nicht mehr haben wollten, und Obdachlose verrichteten, versteckt von altem Bauholz, ihre Notdurft.

«Die Vektoren unseres Denkens verändern»

Nun trocknet am selben Ort das Fundament des schmalsten Hauses Polens. In der ersten Augustwoche soll die Stahlkonstruktion montiert werden. Dann wird das Dach aus Polykarbon aufgezogen, und danach kommt die Inneneinrichtung mitsamt einer Star-Wars-Treppe, die sich einziehen lässt und zum Stubenboden wird.

«Ich wünsche mir, dass Warschau als Stadt wahrgenommen wird, in der es viele Möglichkeiten gibt, in der man interessante Erfahrungen und Experimente machen kann, die die Vektoren unseres Denkens verändern», sagte Jakub Szczesny in der polnischen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza».

Für zwei Jahre ist das Projekt bewilligt. Szczesny rechnet mit einer Verlängerung um weitere zwei Jahre, danach ist die Finanzierung durch die Stiftung für moderne polnische Kunst (Fundacja Polskiej Sztuki Nowoczesnej) nicht mehr gesichert und die Zukunft des schmalen Hauses offen.

Welches Projekt sein Team dann in Angriff nimmt, ist noch ungewiss. In Warschau locken aber noch viele Zwischenräume – Schneisen, die Krieg, Kommunismus oder Kapitalismus in die Stadt gerissen haben. Und Architektur sei immer dann am spannendsten, sagt Szczesny, wenn Einschränkungen überwunden werden könnten.

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