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Tagblatt Online, 18. Juli 2012, 08:54 Uhr

Wenn Tausende sich das Ja-Wort geben

Am 7. Februar 1999 geben sich 40'000 Paare im Olympiastadion von Seoul das Ja-Wort. Organisiert wird der Anlass von der südkoreanischen Vereinigungskirche unter der Leitung von Sektengründer Sun Myung Moon. Zoom

Am 7. Februar 1999 geben sich 40'000 Paare im Olympiastadion von Seoul das Ja-Wort. Organisiert wird der Anlass von der südkoreanischen Vereinigungskirche unter der Leitung von Sektengründer Sun Myung Moon. (Bild: Keystone / AP)

Ob in Südkorea, Ägypten, Indien oder Bolivien: Massenhochzeiten erfreuen sich rund um den Globus grosser Beliebtheit. Eine einheitliche Erklärung für das Phänomen scheint es nicht zu geben. Die Motivation reicht von finanzieller Not bis zu traditionellem Brauch.


Valerie Zaslawski

Als sich im vergangenen März während einer Zeremonie in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul Tausende von Paaren gleichzeitig das Ja-Wort gaben, mag hierzulande der eine oder andere verständnislos den Kopf geschüttelt haben. So stellt man – und vor allem frau – sich den schönsten Tag im Leben nun wirklich nicht vor.

Geleitet wurde die Massenhochzeit vom Gründer der Vereinigungskirche, Sun Myung Moon. Der Grossteil der anwesenden Paare war bereits verheiratet und gab sich das Ja-Wort aufs Neue. Es wurden Reden gehalten, Tänze aufgeführt und Geschenke überreicht. Die Mitglieder der Kirche glauben, dass Moon der Messias ist. Jesus habe ihm die Aufgabe erteilt, seine Mission zu vollenden. Kritiker bewerten die Bewegung wegen ihres Aufbaus und ihrer Methoden als Sekte.

Kein reines Sektenphänomen

Massenhochzeiten können aber nicht als reines Sektenphänomen abgetan werden. Auch sind sie keine neumodische Erscheinung. Bereits 324 vor Christus veranstaltete Alexander der Grosse in der persischen Metropole Susa eine fünftägige Hochzeitszeremonie , bei der rund 1000 makedonische Männer ebenso viele persische Frauen heirateten. Auch Alexander selber sowie 80 seiner führenden Gefolgsleute ehelichten vornehme Perserinnen.

Bilderstrecke: Massenhochzeiten rund um die Welt

  • Zwei Bräute beeilen sich, um rechtzeitig an ihre Hochzeitszeremonie zu kommen. Etwa 7'200 Paare haben am 10. Oktober 2010 in Asan, Südkorea, an einer Massenhochzeit teilgenommen.
  • Das Hochzeitspaar im Triumphwagen und sechzehn weitere heiratswillige Paare, alle gekleidet in assyrische Königskleider, heiraten zu Ehren des assyrischen Neujahrs 6752. (Damaskus, 1. April 2002)
  • Die Hamas organisiert im palästinensischen Flüchtlingslager Rafah im Gazastreifen eine Massenhochzeit (5. August 2010). Im Bild: Bräute während der Zeremonie.

Massenhochzeiten erfreuen sich in vielen Ländern zunehmender Beliebtheit. Die Gründe dafür sind vielfältig. – Ein paar Impressionen.

Heute werden Massenhochzeiten rund um den Globus zelebriert. In arabischen Ländern geht es dabei in erster Linie um die Armen. Von Gouverneuren, Sozialämtern und Wohltätern finanziert, gilt beispielsweise in Ägypten das Einkommen als einziges Kriterium für die Zulassung zu einer Massenhochzeit. Bezahlt wird zusätzlich zur Feier auch die neue Wohnungseinrichtung. Und auch in Syrien, wo die Kosten für eine Ehe vielfach unbezahlbar sind, wird mit Massenhochzeiten einem immensen Problem der arabischen Jugend Rechnung getragen. Weiter soll damit der Zersetzung des Sozialgefüges entgegengewirkt werden.

Symbolische Ehe mit Arawan

In Indien werden gemäss Medienberichten Massenhochzeiten durchgeführt, um der Prostitution zu entgehen. So seien Kinder und Frauen aus armen Dörfern jahrzehntelang dazu gezwungen worden, ihren Körper zu verkaufen. Die Behörden versuchten nun, diese traurige Tradition zu durchbrechen.

Indische Massenhochzeiten werden aber auch aus anderen Gründen gefeiert: Einmal im Jahr kommen Tausende von transsexuellen Menschen im Süden des Landes zusammen, um symbolisch die Ehe mit Arawan einzugehen. Dabei handelt es sich um eine jahrhundertealte Tradition aus der hinduistischen Mythologie.

Ein alter indianischer Hochzeitsbrauch erklärt auch das Zusammenkommen zu Hunderten im Kolosseum der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Gekleidet sind die Bräute und Bräutigame in traditionelle Ponchos, dazu tragen sie Hüte.

Die okzidentalische Braut im Mittelpunkt

In unseren Breiten sind Massenhochzeiten hingegen kein gängiges Phänomen. Die okzidentalische Frau scheint den romantischen Kirchgang am Arm des Vaters dem anonymen Grossereignis vorzuziehen. Der Moment, in dem alle Augen auf die Braut gerichtet sind und sich Freunde und Familien die Taschentücher teilen, möchte offenbar nicht gemisst werden.

Eine Ausnahme bilden von Chinesen in Europa gefeierte Gruppenhochzeiten wie zum Beispiel in Füssen auf dem deutschen Märchenschloss Neuschwanstein. Dort gaben sich erst im Juni 15 Paare aus dem Reich der Mitte das Ja-Wort. Aber auch der 11. 11. 2011 erinnerte an eine Massenabfertigung. Dabei sind sich Hochzeitsexperten einig: Ehen halten bei einer Schnapszahl nicht besser.



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