Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 23. Juli 2012, 14:18 Uhr

Wenn Menschen verschwinden

In der Schweiz verschwinden jedes Jahr mehrere hundert Personen. Zoom

In der Schweiz verschwinden jedes Jahr mehrere hundert Personen. (Bild: Imago)

In der Schweiz verschwinden jedes Jahr mehrere hundert Personen von der Bildfläche. Einige entziehen sich bewusst und streben nach einer neuen Existenz im Ausland.


Robin Schwarzenbach

Eines Tages, es war im Sommer vor zwei Jahren, kam der Familienvater von der Arbeit nicht nach Hause. Kein Anruf, keine SMS. Seine Frau und die drei heranwachsenden Kinder dachten sich zunächst nichts dabei. Doch als der Mann am nächsten Morgen immer noch nicht aufgetaucht war, informierten sie die Polizei. Die Beamten nahmen die Personalien auf und liessen sich eine Beschreibung des Vermissten geben: ein Mann von mittlerer Statur, zirka 1,76 Meter gross, graue Haare, braune Augen, Brillenträger, Dreitagebart. Zum Zeitpunkt des Verschwindens trug er Jeans und braun-beige Schuhe. Freunde und Nachbarn begannen derweil, die Umgebung zu durchkämmen. Vergeblich. Zwischen dem Wohnort und dem Arbeitsplatz des Gesuchten lagen rund 15 Kilometer.

«Vielleicht ist es nichts»

Die älteste Tochter erinnert sich genau. «Ich sagte mir immer wieder: Vielleicht ist es nichts.» Doch nach ein paar Tagen habe die Hoffnung langsam nachgelassen. Ob ihr am Verhalten ihres Vaters zuvor etwas aufgefallen sei? «Nein», antwortet die 20-Jährige, «wir haben überhaupt nichts gemerkt.» Schon bald jedoch zeigte sich: Der Mann hatte finanzielle Probleme. Sein kleines Unternehmen hatte viel Geld verloren. Dann gelang es der Kantonspolizei, das Handy des Vermissten zu orten. Es lag in seinem Auto, und dieses stand am Bahnhof von Yverdon-les-Bains. Dort verlor sich die Spur.

In der Schweiz verschwinden jedes Jahr mehrere hundert Personen. Exakte Zahlen gibt es nicht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die meisten Fälle innerhalb von wenigen Tagen geklärt werden können. Manche Vermisste werden als Opfer von tödlichen Unfällen identifiziert. Oft indes erscheinen die Gesuchten bereits nach Stunden wieder. Die Sorge der Angehörigen gründet häufig auf einem einfachen Missverständnis.

Übrig bleiben jene Akten, die trotz polizeilichen Ermittlungen nicht geschlossen werden konnten. «Wenn es die Umstände nahelegen, machen sich unsere Leute unverzüglich auf die Suche», sagt Werner Schaub von der Kantonspolizei Zürich. Die ersten Stunden nach dem Verschwinden gelten als essenziell. Dabei können auch Hundetrupps und Helikopter zum Einsatz kommen. Sofortmassnahmen der Behörden haben auch eine psychologische Bedeutung. «Für die Angehörigen ist es wichtig, zu sehen, dass die Polizei etwas unternimmt», sagt Schaub.

Allein, auch eine unmittelbare, systematisch angelegte Suchaktion führt nicht immer zum Ziel. Im Kanton Zürich werden jedes Jahr ein halbes Dutzend Erwachsene registriert, die unauffindbar blieben. Viele dieser Schicksale liegen bereits Jahre zurück. Bei den meisten dürften kaum Aussichten auf ein glückliches Ende bestehen. So etwa im Fall einer damals 36-jährigen Drogenabhängigen aus der Stadt Zürich. Sie verschwand im Jahr 2004. Auf der Website der Kantonspolizei Zürich ist ihr Konterfei noch heute aufgeführt.

Solche Meldungen, wie sie immer wieder auch am Fernsehen zu sehen sind, gelten als letztes Mittel. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist eine Einwilligung der Angehörigen. Die Aufmerksamkeit zur Hauptsendezeit ist maximal. Aus Polizeikreisen ist jedoch zu vernehmen, dass öffentliche Ausschreibungen weniger den Ermittlungen an sich als vielmehr den betroffenen Familien dienten. Die Aufrufe sollen nicht zuletzt das Gefühl vermitteln, dass man alles getan habe, um die vermisste Person zu finden. Sachdienliche Hinweise, so heisst es, seien von diesen Einblendungen jedoch kaum zu erwarten.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt. Öffentliche Fahndungen kennen keine Diskretion. Nach der Publikation von Personalien, Beschreibung und Foto weiss es im Prinzip jeder: Im Hause X in Y gibt es ein Problem. «Wir versuchen jeweils, die Breitenwirkung einer Vermisstenanzeige bewusst zu machen», sagt Schaub. Im Internet sind die Kantonspolizeien zudem angehalten, den allfälligen Tod einer öffentlich ausgeschriebenen Person ebenfalls zu vermelden. Einschlägige private Sites wie swissmissing.ch multiplizieren die Anzeigen. Eine offizielle Plattform für die ganze Schweiz gibt es übrigens nicht. Im Inland liegt die Federführung bei den Kantonen, nicht beim Bund. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) hat seine entsprechende Webseite vor kurzem vom Netz genommen.

Ausserhalb der Landesgrenzen ist die Sachlage eine andere. Als erste Anlaufstelle hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) eine Helpline eingerichtet, die seit Mai rund um die Uhr bedient ist.* Im Fedpol gibt es eine Abteilung, die Personen nachspürt, die sich ins Ausland abgesetzt und den Kontakt zur Heimat abgebrochen haben. Ausser für Versicherungen und Nachlassverwalter tut sie dies vor allem im Auftrag von Angehörigen. – Letztes Jahr gingen insgesamt 173 Anfragen ein, knapp die Hälfte der Gesuchten konnte ausgemacht werden – was nicht heisst, dass alle Kontaktierten interessiert gewesen seien. Claire Jordi, Leiterin der Sektion Ausweisschriften und Nachforschungen nach vermissten Personen, stellt klar: «Es ist kein Verbrechen, zu gehen; es sei denn, es werden Unterhaltspflichten verletzt.» Dann könnten die Hinterbliebenen Anzeige erstatten, worauf der Verschwundene zur Verhaftung ausgeschrieben werde. Gemäss Jordi ist es schon vorgekommen, dass sich Schweizer im Ausland zur Zahlung von Alimenten bereit erklärten, um nicht zurückzumüssen. Umgekehrt darf das Fedpol keine Adressen herausgeben, wenn die Vermissten dies nicht ausdrücklich erlauben. Oft müssen sich die Angehörigen mit der Information begnügen, dass der Verwandte wohlauf ist.

Lebenszeichen via Facebook

Diese Gewissheit hatte die eingangs erwähnte Familie nicht. Das Auto am Bahnhof war keine Hilfe. Zwei Wochen vergingen. Noch immer nichts. Dann, nach 21 quälend langen Tagen, erhielt die Ehefrau eine Nachricht auf Facebook. Der Absender bedankte sich für alles. Die Kinder erwähnte er mit Kosenamen. Auch die Tochter hatte eine Nachricht auf ihrem Konto: «Sag den anderen, dass es mir gutgeht. Ihr fehlt mir.» Ein Lebenszeichen!

Der Vermisste, überarbeitet und gestresst, war in den erstbesten Zug gestiegen und hatte sich bis nach Luxemburg durchgeschlagen. Der Entscheid, das Weite zu suchen, sei plötzlich über ihn gekommen. «Es war eine Sache von Sekunden; danach kam ich nicht mehr dagegen an.» Und ja, in jenen drei Wochen habe er mit dem Gedanken gespielt, in Luxemburg ein neues Leben zu beginnen. Doch als er hörte, dass seine Tochter seinetwegen eine Psychologin aufgesucht hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: «Ich musste zurück; ich hatte kein Recht, meine Liebsten krank zu machen.»

Heute ist die Familie wieder vereint. Die schwere Krise hat sie überstanden. Sein Geschäft hat der Mittvierziger aufgegeben, er arbeitet nun als Angestellter. Gewisse Spuren indes sind geblieben. Der Mann nimmt Medikamente und geht regelmässig in Therapie. Eines aber weiss er: Vor Problemen davonzulaufen, ist keine Option.

* Die Helpline des EDA ist erreichbar unter der Telefonnummer 0800 24 7 365 oder via Skype («helpline-eda»).



Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg