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Tagblatt Online, 14. Juli 2012, 11:46 Uhr

Mehr als nur ein Stückchen Haut

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Der beschnittene Knabe wird – für die Zeit des Festes – zum Prinzen: Szene vor einer Moschee in Istanbul (2012). (Bild: Christian Werner / laif)

Das Kölner Urteil gegen die Beschneidung von Knaben aus religiösen Motiven hat einen Disput entfacht, der die Hitze eines Kulturkampfes zeigt. Christliche Theologen opponieren gemeinsam mit den betroffenen Muslimen und Juden gegen den Antitraditionalismus des Gerichts.


Joachim Güntner

Aus der Reihe zu tanzen, kann nonkonformistisch wirken, kühn und souverän – aber auch anmassend. Als kürzlich das Landgericht Köln, ausgehend vom Fall eines vierjährigen muslimischen Knaben, die rituelle Beschneidung von Kindern für strafbar erklärte, wurde ihm vorgehalten, es stehe mit seiner Auffassung allein. Nicht nur Muslime, sondern ebenso sehr Juden, für deren religiöse Identität die Beschneidung der männlichen Nachkommen konstitutiv ist, betonten die Singularität des Urteils, um ihrem Entsetzen Nachdruck zu verleihen. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland am Ende das einzige Land der Welt sein wird, das die Beschneidung verbietet», sagte in Frankfurt der Präsident des Zentralrats der Juden.

Konkurrenz der Rechte

Zumindest unter Bundespolitikern, die auf internationalen Bühnen agieren, fruchtet ein solcher Hinweis immer. Niemand, und erst recht nicht die Juden, soll deutsche Sonderwege fürchten müssen. Wird, wie dies der Publizist Navid Kermani tat, zudem daran erinnert, dass für «die Geschichte des Antisemitismus (. . .) das Verbot der Beschneidung zentral ist», so erübrigt sich fast schon alle Diskussion. Denn kann man noch etwas dagegen haben, einem kindlichen Penis die Vorhaut abzutrennen, wenn man sich mit seiner Ablehnung in die Nähe antisemitischer Traditionen begibt?

Man kann. Und zwar einfach deswegen, weil die juristische Argumentation, auf der das Kölner Urteil fusst, nichts Antisemitisches an sich hat. Das Landgericht sieht in der Beschneidung eine «schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit». Zudem laufe sie dem Interesse des Kindes zuwider, «später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können». Das Gericht hat eine Güterabwägung vorgenommen. Die körperliche Unversehrtheit ist ein Grundrecht nach Artikel 2 des deutschen Grundgesetzes. Dass die Beschneidung den Körper verletzt, würde auch keiner ihrer Befürworter bestreiten. Die Frage ist nur, ob hier ein Fall von strafrechtlich zu ahnender Verletzung vorliegt. Stimmt ein Erwachsener freiwillig seiner eigenen Beschneidung zu, so geht das in Ordnung. Anders bei unmündigen Kindern. Ihnen fehlt es an Einsichts- und Zustimmungsfähigkeit; die Eltern müssten an ihrer Statt entscheiden.

So geschieht es ja auch. Doch ist das Elternrecht kein Recht auf Willkür, es muss sich am Kindeswohl orientieren und findet im Schutz des Kindes seine Schranke. Wer die Beschneidung gutheisst, müsste also begründen können, dass die Körperverletzung dem Kind nichts Übles tut, sondern im Gegenteil seinem Wohle dient. Wiegt, so führen die Religionsgemeinschaften an, die frühe «Beheimatung» beschnittener Knaben im «Schoss» ebendieser Gemeinschaften nicht schwerer als die «harmlose», Hygiene fördernde und eben auch deshalb weitverbreitete Zirkumzision? Dieser Auffassung verweigert sich das Gericht. Aussen vor müssen auch kulturanthropologische Spekulationen über den «magisch-religiösen Kern» (Christoph Türcke) der Beschneidung bleiben. Ob diese Praxis eine sublimierte Form des Menschenopfers ist, ob sie die Leidensbereitschaft und damit die Gottesbindung stärkt oder ob sie – psychoanalytisch gesehen – die Beschnittenen so traumatisiert, dass diese später von der «Opfer-» in die «Täterperspektive» wechseln und darum als Erwachsene das blutige Ritual gutheissen: Derlei darf die juristische Betrachtung nicht interessieren.

Das Alte Testament (1. Buch des Moses, 17, 12) gebietet den Juden, alles, was männlich ist, im Alter von acht Tagen zu beschneiden. Im Koran fehlt eine entsprechende Anweisung, jedoch gibt es einige Hadithe, überlieferte Worte des Propheten, die sich als Pflicht zur Beschneidung deuten lassen, und auch für Mekkapilger, welche die Kaaba regelkonform umkreisen wollen, ist sie wohl obligatorisch. Muslimische Knaben werden in der Regel zwischen dem dritten und achten Lebensjahr beschnitten. Den Streit darüber, wie schmerzhaft und traumatisierend oder aber wie harmlos die Beschneidung ist, können Aussenstehende nicht entscheiden. Es fällt allenfalls auf, dass sich unter Theologen mehr «Verharmloser» und unter Medizinern und Psychologen mehr «Dramatisierer» des Eingriffs finden. Die alte Auffassung, gerade Säuglinge – dies beträfe namentlich die jüdischen Kinder – ertrügen ob ihres angeblich herabgesetzten Schmerzempfindens die Operation leicht, scheint überholt. Eine Beschreibung des Vorgangs, die dazu angetan ist, von Nachahmungen abzuraten, hat der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer jüngst geliefert: «Da Vorhaut und Eichel bei fast allen Neugeborenen noch fest verwachsen sind, ähnlich wie Fingernägel mit dem Nagelbett, müssen diese beiden Strukturen zunächst einmal auseinandergerissen werden. Danach wird – je nach Methode – die Vorhaut längs abgeklemmt und eingeschnitten, mit einem Beschneidungsinstrument rundum für mehrere Minuten gequetscht und schliesslich mit einem Skalpell amputiert.»

Ein Identitätszeichen

Das Kölner Urteil ist nicht nur von jüdischen und muslimischen Theologen, sondern auch von den christlichen Grosskirchen als unerhörter Angriff auf die religiöse Identität kritisiert worden. Ein «Selbstbestimmungsrecht religiöser Gemeinschaften», das zur Verteidigung der Beschneidung ins Feld geführt wurde, kennt die deutsche Verfassung allerdings nicht, sondern nur das Recht auf freie Religionsausübung – das ein Individualrecht ist, keines von Kollektiven. Zweifellos ist die beschnittene Vorhaut ein Identitätszeichen, auf das zu verzichten zumal im Judentum einen schweren Bruch mit einer jahrtausendealten Tradition bedeuten würde. Gemäss dem 1. Buch des Moses besiegelt die Beschneidung den Bund, den Gott mit dem jüdischen Stammvater Abraham schloss. Sie ist verpflichtend, und die «Seele» von Unbeschnittenen, so lautet in der Bibel Gottes Gebot, «soll aus seinen Volksgenossen ausgerottet werden: meinen Bund hat er gebrochen».

Dass die Bibel allerdings, wie der Theologe und Historiker Thomas Lentes meint, die Beschneidung zum «Gründungsakt überhaupt» der jüdischen Religion erklärt, steht in Konkurrenz zu anderen Lesarten. Der Bund, den die Beschneidung bekräftigt, besteht darin, dass die Israeliten Gott anerkennen und dass Gott ihnen das Land Kanaan, worin Abraham noch «als Fremdling weilt», zum Eigentum gibt. Im Zentrum stehen also, hält man sich an die biblische Überlieferung, Gottesverehrung auf der einen, eine Landnahme auf der anderen Seite. Dieser Bund hat viel zu tun mit dem Palästinakonflikt, jedoch noch nichts mit der Stiftung einer moralischen Grundordnung, wie dies etwa Jacques Schuster in seiner Apologie der Beschneidung in der «Welt» suggerierte – dass Moses die Zehn Gebote empfing, datiert in eine spätere Zeit.

Bleibt die Fundamentalfrage: Muss man notwendig beschnitten sein, um Jude sein zu können? Dann stünde bei einem Verbot der Beschneidung tatsächlich, wie jetzt manche behaupten, das gesamte jüdische Leben auf dem Spiel. Doch trotz dem oben zitierten entschiedenen Gotteswort über die «Seelen-Ausrottung» von Unbeschnittenen hört man auch moderate Interpretationen. «Wer als Jude geboren wird, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied.» Mit diesen Worten zitierte Gil Yaron, ein beschneidungskritischer Mediziner und Publizist aus Tel Aviv, in einem Gastbeitrag für die «FAZ» den Präsidenten des Rabbinischen Gerichtshofs für Reformjuden in Israel.

Gut möglich, dass das Kölner Urteil, das im Bezirk des Landgerichts (und nur dort) rechtskräftig ist und nicht mehr angefochten werden kann, demnächst vor dem Bundesverfassungsgericht oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landet. Verkneifen wir uns Spekulationen über den möglichen Ausgang eines solchen höchstinstanzlichen Prozesses. Juristisches Denken, das vom Individuum ausgeht und eine naturrechtlich gegebene menschliche Würde deklariert, hat die Tendenz, kulturelle Traditionen zu zermalmen. Doch werden die Gerichte auch kulturelles und religionsgeschichtliches Fingerspitzengefühl zeigen müssen – man kappt nicht einfach eine viertausendjährige Tradition. Anzumerken wäre freilich, dass die Beschneidung ursprünglich nicht auf eine vollständige Zirkumzision der Vorhaut hinauslief. Abraham soll davon – «mit einer Axt» – nur einen Zipfel entfernt haben; mehr wäre in Anbetracht seines Werkzeugs wohl auch kaum ohne Verstümmelung möglich gewesen. Läge in der Rückkehr zur Minimierung des Eingriffs die Möglichkeit zu Kompromissen, mit denen auch Beschneidungsgegner Frieden schliessen könnten?

Angriff auf die religiöse Erziehung

Kultur- und religionsphilosophisch schwach zeigt sich das Kölner Urteil, wo es die Beschneidung mit der Begründung ablehnt, dies stehe dem Interesse des Kindes entgegen, später als Erwachsener selbstbestimmt seine Religion zu wählen. Die Kraft und das Glück, die eine Religion dem Gläubigen vermitteln kann, resultieren oft genug daher, dass er sie eben nicht individuell für sich erwählt, sondern dass er sich von vornherein in eine höhere Ordnung gestellt sieht.

Der Philosoph Robert Spaemann hat in der «Zeit» Ähnliches formuliert, wenn er sich gegen die Aufschiebung der Wahl einer Religionsgemeinschaft bis zum Erwachsenenalter wendet. Man könne sich eben nicht entscheiden, so sein Argument, «wenn man die eine von zwei Alternativen, den Glauben, nie von innen kennengelernt hat». Neutrale Ausgangsbedingungen gebe es nicht: «Wer Kinder von einem Leben auf dem Hintergrund einer göttlichen Dimension fernhält, der prägt sie atheistisch. Eine Welt ohne Gott, das ist ebenso eine Prägung wie eine Welt mit Gott.» Kinder vor Fremdbestimmung zu bewahren, verkenne, «dass es ohne anfängliche Fremdbestimmung nie Selbstbestimmung geben kann». So gesehen, steckt im Kölner Urteil tatsächlich ein Angriff auf die religiöse Erziehung, nicht bloss das Verbot einer archaischen blutigen Praxis. Man sollte beides auseinanderhalten.



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
werinheri (14. Juli 2012, 14:09)
Der Philosoph Robert Spaemann hat unrecht

Es gibt bis heute keinen Beweis für die reale Existenz eins sogenannten Gottes.

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stargate (13. Juli 2012, 06:52)
Ääähm, und bei Mädchen

Aha, bei Jungen soll es erlaubt sein und bei Mädchen nicht?

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