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Tagblatt Online, 9. August 2012, 08:13 Uhr

Schlaglicht auf die amerikanischen Neonazis

Nach dem Blutbad im Sikhtempel grosses Interesse an Rechtsextremen und ihrer Musikszene

Der Überfall auf den Sikhtempel in Wisconsin hat grelles Licht auf die amerikanischen Neonazis und ihre Musikszene geworfen. Diese blüht keineswegs im Verborgenen, wurde in der Öffentlichkeit aber kaum zur Kenntnis genommen.


Peter Winkler, Washington

Wade Michael Page und sein blutiger Überfall auf den Sikhtempel in Wisconsin haben ein Schlaglicht auf eine Szene geworfen, die zwar seit Jahren und keineswegs im Verborgenen blüht, aber von der breiten Öffentlichkeit dennoch kaum wahrgenommen wurde. Page war, wie bereits berichtet, ein aktives Mitglied der amerikanischen Neonazibewegung, die ihre Botschaft gern in roher und lauter Musik mit hasserfüllten Texten verbreitet.

«Definitiver Hass»

Bereits die Namen der Bands sind Programm: Page spielte Gitarre und Bass in Gruppen wie «Definitiver Hass», «Blauäugige Teufel» oder «Schluss mit der Apathie». Im Song «Willkommen im Süden» wird beispielsweise vom «Krieg der Rassen» gesprochen und ein Amerika herbeigesehnt, «das einst so weiss und frei war». In einem anderen Song mit dem Titel «Weisser Sieg» ist die Botschaft deutlicher: «Nun werde ich für meine Rasse und meine Nation kämpfen. Sieg Heil!»

Da auch in Amerika direkte Aufrufe zur Gewalt strafbar sind, werden die Botschaften oft chiffriert und wirken für Uneingeweihte wirr. Besonders beliebt sind Codes wie etwa 88 oder 14. Die erste Zahl steht für den achten Buchstaben im Alphabet und heisst übersetzt «Heil Hitler», die zweite spielt auf die Anzahl Wörter in einem der Leitsätze der Neonazibewegung an. Dieser soll von Hitlers Buch «Mein Kampf» abgeleitet sein und lautet: «Wir müssen die Existenz von unserem Volk und eine Zukunft für weisse Kinder sichern.» Die amerikanische Neonazi-Musikszene liess sich, wie andere auch, von Ablegern der britischen Skinheads inspirieren. In Anlehnung an eine Richtung von Rockmusik (Hardcore) wird sie gern «Hatecore» genannt.

Neonazis sind nur ein Teil der schillernden rechtsextremistischen Bewegung, die auch von sogenannten «Milizen» geprägt wird, die vor allem den Zentralstaat vehement ablehnen. Daryl Johnson, der in verschiedenen militärischen und zivilen Diensten die rechtsextreme Szene analysierte, spricht in einem in Kürze erscheinenden Buch von einem Wiedererstarken des Rechtsextremismus seit der Wahl Präsident Obamas. Andere pflichten ihm bei: Die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center liest aus ihren Daten ab, dass die Zahl der Milizen und Gruppen, die sich dem Wahn einer Überlegenheit der weissen Rasse verschreiben, seit 2009 sprunghaft angestiegen ist. Don Black, der Chef eines Internet-Diskussionsforums mit dem vielsagenden Namen «Stormfront», gab gegenüber der «New York Times» zu Protokoll, Präsident Obama sei das Symbol jenes Multikulturalismus, der Amerika unterminiert habe.

Reduzierte Überwachung?

Johnson geriet 2009 in die Schlagzeilen, nachdem ein interner Bericht über Rechtsextreme, den er für das Ministerium für Inlandsicherheit erstellt hatte, in die Öffentlichkeit gestreut worden war. Rechtskonservative stiessen sich vor allem an der Aussage des Berichts, wonach Rechtsextreme die gleichen Themen zur Rekrutierung und Mobilisierung nutzen, die auch rechtskonservative Kreise mit Vorliebe bewirtschaften: Immigration, Multikulturalismus und gleichgeschlechtliche Liebe. Ministerin Napolitano zog den Bericht schliesslich zurück. Laut Johnson wurde daraufhin die Zahl von Analytikern, die nichtislamische Extremisten beobachten, bedeutend verringert. Sprecher des Ministeriums bestritten dies allerdings.



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