Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 20. Juli 2012, 16:51 Uhr

NFL-Feeling im Fürstentum Liechtenstein

Die Broncos laufen aufs Feld - mit Leuchtpetarden in der Hand. Zoom

Die Broncos laufen aufs Feld - mit Leuchtpetarden in der Hand. (Bild: EQ)

Die Calanda Broncos spielen am Samstag in Vaduz als erstes Schweizer Team gegen die Vienna Vikings um die Euro Bowl, im Final der European Football League (EFL), vergleichbar mit der Champions League im Fussball.


Peter Eggenberger

Im American Football ist die National Football League (NFL) das Mass aller Dinge. Sie verzeichnet mit weit über 60 000 Zuschauern pro Spiel den besten Durchschnitt aller Profisportligen der Welt. Das Finalspiel, die Super Bowl, ist einer der meistbeachteten Sportanlässe weltweit und erreicht in den USA regelmässig die höchsten TV-Einschaltquoten.

Zweimal haben die Denver Broncos bisher eine Super Bowl gewonnen. Nun machen sich ihre Namensvetter aus dem Kanton Graubünden auf, es ihnen auf europäischer Ebene gleichzutun. Das Spiel wird von ORF+ und Eurosport 2 live übertragen. SF wird ebenfalls über das Spiel berichten, aber nicht live. Bis zu 120 Millionen Haushalte in Europa können Eurosport 2 empfangen. Damit nähert sich zumindest die theoretische Reichweite den tatsächlichen Zahlen der Super Bowl an. Dort werden Spitzenwerte von gegen 140 Millionen Zuschauern gemessen. Im Übrigen aber ist in Europa alles einige Dimensionen kleiner.

Ab 4000 Zuschauern kein Verlustgeschäft

4000 bis 5000 Zuschauer werden zum Finalspiel in Vaduz erwartet. «Ab 4000 können wir ein Verlustgeschäft vermeiden», sagt der Broncos-Präsident Walter Tribolet. Das Budget für die Ausrichtung der Euro Bowl betrage einen hohen fünfstelligen Betrag. Die Broncos haben in einem Bidding Process den Zuschlag der European Federation of American Football (Efaf) für die Organisation erhalten. Die letzten acht Euro Bowls haben in Österreich stattgefunden. Die Vikings sind entsprechend enttäuscht.

«Die Efaf hat entschieden, das muss man so akzeptieren. Wir hätten gerne in Wien gespielt, aber Calanda hat anscheinend ein besseres Gesamtpaket abgegeben», sagt Vikings-Präsident Karl Wurm. Johannes Dosek, der Medienverantwortliche der Vikings, äussert sogar offen die Vermutung, die Broncos hätten einfach mehr Geld zur Verfügung gehabt.

Vorwurf des «erkauften» Erfolgs

Tribolet kennt diese Argumentation auch von der heimischen Liga. Die Gegner werfen den Broncos regelmässig vor, teure ausländische Spieler zu verpflichten. Selbst der Präsident des Schweizerischen American-Football-Verbandes, Dieter Witschi, spricht davon, dass die Broncos ihre Erfolge erkauft hätten.

Die Broncos dominieren die Schweizer Konkurrenz. Vor zwei Wochen haben sie in der Swiss Bowl die Basel Gladiators, die in der Qualifikationsrunde den dritten Platz belegt hatten, mit 42 Punkten Differenz (56:14) besiegt und den vierten Meistertitel in Folge geholt. Die 42 Punkte Unterschied bestanden schon bei Halbzeit (42:0), und der Sieg wäre wohl deutlich höher ausgefallen, wenn die Broncos in der zweiten Halbzeit nicht die meisten Stammspieler im Hinblick auf die Euro Bowl geschont hätten.

«Zahlen jenseits von Gut und Böse»

Tribolet kann mit den Vorwürfen gut leben. Die Broncos hätten gute Sponsoren. Sie investierten auch mehr in ausländische Spieler als andere Vereine. «Die Zahlen, die mit uns regelmässig in Verbindung gebracht werden, sind aber jenseits von Gut und Böse», sagt er. Die Broncos verfügen über ein Budget von 140 000 Franken, das auf einem Zuschauerdurchschnitt von 1000 basiert. Mit diesem Zuspruch sind die Broncos, die ihre Heimspiele in der Regel in Chur austragen, hinter dem HC Davos die Nummer zwei in Graubünden. Die ausländischen Spieler und Coachs werden ausserhalb des genannten Budgets extern finanziert.

Witschi glaubt, dass die Broncos «das beste Team in Europa» sind und die Euro Bowl gewinnen werden. In der Meisterschaft sind sie seit 36 Spielen ungeschlagen. In der EFL hingegen erlitten sie in der letzten Saison im Viertelfinal eine schmerzliche 12:15-Niederlage gegen eben jene Vikings, die ihnen in der diesjährigen Euro Bowl gegenüberstehen.

Österreichische Phalanx

Die Broncos haben sich mit einem 35:3-Auswärtssieg gegen die Tirol Raiders, die als ähnlich stark wie die Vikings einzuschätzen sind, und die Vikings mit einem 34:7-Sieg gegen Berlin Adler für den Final qualifiziert. Mit einem Titelgewinn brächen die Broncos in eine österreichische Phalanx ein. Von den letzten acht Euro Bowls haben österreichische Mannschaften sieben gewonnen, die Vikings davon vier.

Die Ausländer im Team der Broncos sind ein massgeblicher Faktor für den Sieg in der Swiss Bowl und für das Ziel, die Euro Bowl zu gewinnen. Coach Geoff Buffum, ein 36-jähriger Kalifornier, hat während sieben Jahren die Tirol Raiders trainiert und mit ihnen 2008 die Euro Bowl gewonnen. Er hat die Broncos auf diese Saison hin übernommen. Drei amerikanische Spieler stehen im Kader der Broncos: in der offensiven Formation Wide Receiver Steve Valentino, der auch als Quarterback eingesetzt werden kann, sowie in der defensiven Formation Linebacker Andrew Preston und Defensive Back DJ Wolfe.

Wolfe defensiv und offensiv im Einsatz

Wolfe spielt regelmässig auch in der Offensive als Running Back, eine seltene Doppelfunktion. Preston und Wolfe haben in den USA in der obersten Division des College-Footballs gespielt: Preston bei San Diego State, Wolfe bei den Oklahoma Sooners. Für eine Karriere in der NFL wurden die beiden aber von den Scouts für zu wenig gut befunden.

Die drei Amerikaner, die für die Vikings spielen, waren demgegenüber nur in unteren Divisionen des College-Footballs aktiv. Die Vikings können dafür auf rund 20 österreichische Nationalspieler zählen, darunter Christoph Gross. Er gilt unter Fachleuten als der stärkste Quarterback in Europa.

«Wolfe bester Spieler in Europa»

Broncos-Präsident Tribolet betrachtet Wolfe als «besten Spieler in Europa». In der Defensive erhält Wolfe für die EFL-Spiele Unterstützung von dem Deutschen Christian Mohr, der in der Schweizer Meisterschaft nicht mitspielt. Mohr stand von 2006 bis 2008 im Kader der Philadelphia Eagles in der NFL, kam aber lediglich in acht Vorbereitungsspielen zum Einsatz.

Neben den Ausländern spielen auch einige der 23 Schweizer Spieler im Team der Broncos eine bedeutende Rolle. Beispielsweise gingen 21 der 56 Punkte in der Swiss Bowl auf ihr Konto. Der Quarterback ist ebenfalls Schweizer: Marco Glavic war zusammen mit Coach Buffum Mitglied der 2008 in der Euro Bowl siegreichen Raiders.

Tailgating

Die Broncos wollen mit der Euro Bowl Football-Groove ins Fürstentum Liechtenstein bringen. Das Stadion in Vaduz war das nächstgelegene, das den Anforderungen der EFAF genügt. Im heimischen Stadion in Chur hätten die Broncos die Euro Bowl nicht organisieren können. Vor dem Spiel findet Tailgating mit Live-Konzert statt. Tailgating gehört in den USA zum Football wie die Nationalhymne vor dem Spiel. In der Umgebung des Stadions wird als Einstimmung auf das Spiel grilliert, gegessen und getrunken. Wer weiss, vielleicht erreicht die Atmosphäre rund um das Rheinpark-Stadion amerikanische Dimensionen. Die beiden Finalisten können damit nicht dienen.

Die Broncos haben 2007 zwei Testspiele gegen US-College-Teams aus unteren Divisionen ausgetragen und dabei sehr deutlich verloren. Tribolet und Witschi gehen denn auch davon aus, dass die Broncos ein Spiel gegen ein NFL-Team mit über 100 Punkten Unterschied verlören.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
1 Beitrag
Gueming (21. Juli 2012, 14:42)
Hooligans !?

Ich glaube, ich seh nicht recht !
Vermummte Hooligans mit Leuchtpetarden und dass sogar mitten auf dem Spielfeld ?
Ich bin dafür , dass sämtliche Football spieler die eine Petarde in der Hand haben, eine saftige Busse erhalten, sowie mindestens 10 Spielsperren ! Weiter müsste der Verein mit -10 Punkten in die neue Saison starten und mindestens 2 Spiele ohne Publikum austragen !

---uupppss...das gehts ja gar nicht um Fussball (Football), somit gehört das zur guten Stimmung und ist selbstverständlich erlaubt ! *ironie aus* grinsen

Beitrag kommentieren

Morgen in der
150 Container und fünf Mann
Rheinschifffahrt Der junge St. Galler Richard Bodenmann steuert als patentierter Kapitän ein Containerschiff.
Gemeinden unter Spardruck
Finanzen Die Gemeinden können kaum noch entscheiden, wie sie ihr Geld ausgeben – weil die Kantone sparen.
Das Schwein im Teller
Fleischverzehr Die Metzgete ist so beliebt wie eh und je. Der Weg der Sau vom Stall in den menschlichen Magen ist blutig. Dafür verwerten die Köche fast jedes Körperteil.
Der Richter und sein Cello
Markus Metz Der Präsident des Bundesverwaltungsgerichts St. Gallen über komplexe Rechtsfälle und seine Freizeit.

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Tippen & Gewinnen

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg