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Tagblatt Online, 6. August 2012, 08:48 Uhr

Israels Volksarmee – Symbol oder Realität?

Weil die Regierung sich nicht auf ein neues Gesetz einigen konnte, liegt nun die Verantwortung vorübergehend beim Verteidigungsminister, welcher eine Ausweitung der Wehrpflicht auf ultraorthodoxe Religionsstudenten anordnete. Zoom

Weil die Regierung sich nicht auf ein neues Gesetz einigen konnte, liegt nun die Verantwortung vorübergehend beim Verteidigungsminister, welcher eine Ausweitung der Wehrpflicht auf ultraorthodoxe Religionsstudenten anordnete. (Bild: Mark Wilson / Keystone)

Das Thema Wehrdienstpflicht schlägt hohe Wellen in Israel. Der Militärsoziologe Yagil Levy erläutert die symbolische Bedeutung der israelischen Armee – und Divergenzen zur Realität.


Monika Bolliger, Jerusalem

Am 1. August ist in Israel ein befristetes Gesetz über den Wehrdienst ausgelaufen. Das Gesetz regelte die Befreiung ultraorthodoxer Religionsstudenten vom Militärdienst. Weil die Regierung sich nicht auf ein neues Gesetz einigen konnte, liegt nun die Verantwortung vorübergehend beim Verteidigungsminister, welcher eine Ausweitung der Wehrpflicht auf ultraorthodoxe Religionsstudenten anordnete. Ob die Regelung wirklich umgesetzt wird, ist fraglich. Das Thema bewegt die Bevölkerung. Am Samstag fand der zweite grosse Protest mit der Forderung nach einer Dienstpflicht für alle statt. «Die Bürde teilen», ist zum Slogan in aller Munde geworden.

Zeichen für Demilitarisierung

«Diese Debatte ist ein Zeichen für die Demilitarisierung der Gesellschaft», sagt Yigal Levy. Der Soziologieprofessor befasst sich seit rund 30 Jahren mit Militär und Gesellschaft. Wenn die Bedrohung als akut wahrgenommen werde und das Militär zugleich gesellschaftlich eine zentrale Rolle spiele, gebe es solche Diskussionen gar nicht, erklärt er. «Die Forderung, die Bürde zu teilen, erscheint erst, wenn der Militärdienst überhaupt als Bürde gilt – und nicht mehr so sehr als Auszeichnung.»

Diese Entwicklung hat verschiedene Ursachen, wie Levy ausführt. Eine wichtige Rolle spielen wirtschaftliche Veränderungen. Mit Liberalisierung, zunehmendem Individualismus und Konsumdenken trat die Rolle der Armee als soziales Rückgrat der Mittelklasse in den Hintergrund. Wichtiger wurde Effizienz am Arbeitsplatz, weshalb jene, die in der Armee Reservedienst leisteten, weniger gefragt waren. Ob jemand Karriere macht, hängt nicht mehr von seinem Dienstgrad ab – eine Entwicklung, die auch für die Schweiz zutrifft, an deren Modell der Dienstpflicht Israel sich einst orientiert hat, wie Levy gern erwähnt.

«Die existenziellen Bedrohungen sind zurückgegangen», sagt Levy weiter. Bis zum Friedensvertrag mit Ägypten habe eine Belagerungsmentalität alles andere überdeckt, danach erschienen politische Lösungen statt Krieg plötzlich denkbar. Trotz der provokativen Rhetorik Teherans und der in Israel oft zu hörenden Aussage, man sei von Feinden umgeben, wird die Bedrohung von vielen nicht mehr so unmittelbar empfunden. Levy verweist auf die Sozialproteste, welche letzten Sommer begannen. Diese fanden trotz Irans Atomprogramm und der ägyptischen Revolution statt. Eine wichtige Forderung war, die Militärausgaben zu reduzieren.

Die Demilitarisierung betrifft aber in erste Linie die säkulare Mittelklasse, hält Levy fest. Loyalere und religiöse Gruppen nehmen ihren Platz in der Armee ein. Immigranten versprechen sich vom Wehrdienst besseren Zugang zur Gesellschaft. Wachsende nationalreligiöse Kreise sehen ihn als heilige Pflicht. Sie haben auch keine Vorbehalte, in den besetzten Gebieten Dienst zu leisten. «Paradoxerweise beschleunigen die Säkularen mit der Forderung nach einer Dienstpflicht für Ultraorthodoxe eine Theokratisierung der Armee», so Levy. Dabei sind sich aber Nationalreligiöse und Ultraorthodoxe keineswegs einig. Unter den Ultraorthodoxen lehnen einige immer noch Israel als Staat ab. Und die Siedler unter ihnen leben meist in Gebieten nahe der grünen Linie, welche laut Plänen für ein Friedensabkommen mit den Palästinensern Israel zugeschlagen würden.

Wut auf die Ultraorthodoxen

Mitte Juli hatten bereits Tausende für das Anliegen demonstriert und dabei eine andere Demonstration für soziale Rechte übertönt. Dass die Themen verknüpft sind, liegt aber auf der Hand: Je mehr sich durchschnittliche Israeli sozial benachteiligt fühlen, umso mehr stossen ihnen die Privilegien der Ultraorthodoxen auf, von denen viele nicht arbeiten. Zudem machen diese den Säkularisten den öffentlichen Raum streitig mit ihren Forderungen nach Geschlechtertrennung in Bussen und dergleichen. «Ein Teil des Protestes war mehr gegen die Haredim als für eine faire Verteilung der Last des Wehrdienstes», sagt Levy.

Die Wut auf die Ultraorthodoxen hat also breitere Ursachen. Die Armee hat in der Debatte zentrale Bedeutung als Symbol eines gesellschaftlichen Schmelztiegels und als überlebenswichtige Institution für den Staat. Die herausragende Rolle kam der Armee mit der Staatsgründung zu, als die Zionisten sich im Überlebenskampf wähnten. Levy verweist auf die Diskrepanz zwischen der symbolischen Bedeutung der Armee als Teil nationaler Identität und der Realität, die sich längst vom Konzept des Schmelztiegels entfernt hat.

So hat die Zahl der Israeli, welche keinen Wehrdienst leisten, zugenommen. Im Vergleich zu früher ist es einfacher geworden, sich aus medizinischen Gründen vom Dienst befreien zu lassen. Die ultraorthodoxen Gemeinden wachsen unaufhaltsam, deren Männer ihr Leben religiösen Studien widmen und daher vom Dienst ausgenommen sind. Während es nach der Staatsgründung ein paar Hundert waren, sind es nun 71 000. Religiöse Frauen sind generell vom Dienst befreit. Für die palästinensischen Israeli gilt aus Loyalitätsgründen gar keine Wehrpflicht. Sie machen rund 20 Prozent der Bevölkerung aus. Demografische Zahlen verweisen auf eine weitere Zunahme jener Gruppen, die nicht im Militär dienen.

Daneben findet eine Professionalisierung des Reservedienstes statt. Dieser ist nahezu fakultativ geworden und wird von immer weniger Personen geleistet. Auch wenn die Idee noch immer unpopulär ist, so ist die Diskussion über die Einführung einer Berufsarmee zumindest nicht mehr tabu, so Levy. Und er sieht einen klaren Trend in diese Richtung. Dazu trügen auch die graduellen Reformen im Zusammenhang mit den Ultraorthodoxen bei. Jede weitere Institutionalisierung festige im Prinzip die Ungleichheit, sagt er.

Höhere Mobilität

Aber inwiefern war das israelische Militär je der Schmelztiegel, als den es immer galt? Es ist unbestritten ein Ort des Kennenlernens für Israeli mit unterschiedlichen Wurzeln oder sozialen Hintergründen. Levy sieht heute alternative Möglichkeiten der Begegnung aufgrund höherer Mobilität, und meint auch, dass man damit allein nicht für eine Milizarmee argumentieren könne. Andererseits sei er zum Schluss gekommen, dass das Militär die gesellschaftlichen Risse nicht kitte, sondern reproduziere. Die Symbolik vom sozialen Schmelztiegel sitzt aber tief. «Während wir Richtung Berufsarmee gehen, werden wir trotzdem weiterhin die Rhetorik von der Volksarmee hören.»



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