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Tagblatt Online, 5. Juli 2012, 17:31 Uhr

«Durch Menschen verursachte» Katastrophe

Gemäss der unabhängigen Untersuchungskommission wäre das Unglück in Fukushima vorhersehbar und verhinderbar gewesen. Zoom

Gemäss der unabhängigen Untersuchungskommission wäre das Unglück in Fukushima vorhersehbar und verhinderbar gewesen. (Bild: Keystone)

Von Menschen sei sie verursacht worden, die atomare Katastrophe von Fukushima im vergangenen Jahr. Die vom japanischen Parlament eingesetzte Untersuchungskommission stellt Versagen bei Regierung, Betreibern und Aufsichtsbehörde fest.


Martin Koelling, Tokio

Der mit Spannung erwartete Bericht von Japans parlamentarischem Untersuchungsausschuss zur Katastrophe von Fukushima versetzt der Atomlobby einen schweren Schlag. Schonungslos analysiert das am Donnerstag in Tokio veröffentlichte Dokument, wie Klüngel, Versäumnisse und Fehler die Atomkatastrophe im Atomkraftwerk Fukushima 1 mitverursacht und die Folgen verschlimmert haben. Die Katastrophe sei von Menschenhand verursacht worden, so brachte der Ausschussvorsitzende Kiyoshi Kurokawa die Botschaft in seinem Vorwort auf den Punkt. «Wir müssen sehr schmerzhaft zugeben, dass dieses Desaster ‹made in Japan› war», schreibt er.

Schluss mit dem Mythos

Kurokawa übergab am Donnerstag das umfangreiche Dokument dem Präsidenten des Unterhauses, Takahiro Yakomichi. Die zehnköpfige Kommission, die vom Parlament eingesetzt worden war, war die erste ihrer Art seit dem Zweiten Weltkrieg. Die zehn Experten, darunter auch bekennende Atomkraftkritiker, hatten seit dem vergangenen Dezember mehr als 1100 Interviews, unter anderem mit damaligen Entscheidungsträgern auf Regierungs- und Betreiberseite, geführt. Ergebnis ist ein für japanische Verhältnisse überraschend offener Bericht, der die letzte Bastion des Sicherheitsmythos der japanischen Atomindustrie angreift.

Bis heute behauptet der Betreiber des havarierten Kraftwerkes, Tokyo Electric Power (Tepco), nämlich, dass am 11. März 2011 erst der Tsunami und nicht schon das Erdbeben schwere Schäden an den Meilern verursacht habe. Doch der Ausschuss, der nur sechs Monate Zeit für seine Untersuchung hatte, kommt dennoch zu dem Schluss, dass das Urteil der Betreiber zu schnell erfolgt sei. Es bestehe die Möglichkeit, dass bereits das Erdbeben wichtige Anlagen beschädigt und auch einen Kühlmittelverlust in Reaktor 1 ausgelöst habe.

Noch vernichtender als die Analyse des Unfallhergangs fällt die eigentliche Ursachenforschung aus. Der Unfall sei das Resultat einer Kollusion von Regierung, Aufsichtsbehörden und Tepco sowie auch des Mangels an Kontrolle. Die direkten Ursachen des Unfalls seien allesamt vorhersehbar gewesen. Aber alle Beteiligten hätten es versäumt, die grundlegendsten Sicherheitsmassnahmen zu entwickeln, kritisiert der Bericht. «Sie haben damit im Endeffekt das Recht der Nation betrogen, vor Atomunfällen sicher zu sein», heisst es.

Vetternwirtschaft

Der Ausschuss beschreibt, dass die Atomaufsicht Nisa den Betreiber Tepco nie gezwungen habe, neue Sicherheitsmassnahmen umzusetzen. In einem Fall hat Nisa den Stromkonzern demnach sogar unter der Hand gebeten, bei einem Katastrophenszenario keinen totalen Stromausfall durchzuspielen, weil die Wahrscheinlichkeit gering sei.

Auch mit der Betreibergesellschaft geht die Kommission hart ins Gericht. Tepco habe Störfälle nicht gemeldet und Widerstand gegen die Umsetzung vorgeschlagener Verbesserungen geleistet. Nach dem 11. März 2011 rächten sich die Versäumnisse. So habe es keine Verhaltensregeln und Notfallpläne für einen schweren Unfall gegeben. In den zwar existierenden Handbüchern fehlten einschlägige Abschnitte.

Der Umgang mit der Krise war schliesslich ebenfalls chaotisch. Nisa hätte die Leitung übernehmen sollen, war aber unvorbereitet. Das Versagen von Nisa bei der Aufgabe, Informationen Tepcos an die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Naoto Kan weiterzugeben, schürte Misstrauen. Zudem rief das Amt des Ministerpräsidenten erst spät den atomaren Notfall aus und missachtete bestehende Befehlsketten. Schliesslich habe aber auch Tepcos Versagen, die Fakten und Massnahmen klar zu übermitteln und Verantwortung zu übernehmen, zur Katastrophe beigetragen. Auch bei der Evakuierung passierten Fehler. Gegenüber den lokalen Behörden wurde das Ausmass der Katastrophe verschwiegen.

Die überraschend deutliche Bilanz des Berichtes, der unter grossem Zeitdruck in sechs Monaten entstanden ist, birgt hohe Brisanz für Japans Energiestrategie. Ministerpräsident Yoshihiko Noda hat gerade den ersten Reaktor wieder ans Netz gehen lassen und drängt darauf, möglichst viele der 50 funktionsfähigen Meiler wieder einzuschalten. Damit will er der drohenden Stromknappheit in den Sommermonaten begegnen. Diese Politik fusst allerdings auf der vermeintlich absoluten Erdbebensicherheit japanischer Atomkraftwerke.

Kritik an Konventionen

Das zehnköpfige Gremium, das selbst neun Mal am Ort des Geschehens war, schreibt allerdings, die Sicherheit der Atomenergie in Japan und der Öffentlichkeit könne nicht gesichert werden, solange es keine grundlegenden Reformen der Aufsichtsbehörden gebe. Die Gesetzgebung müsse so geändert werden, dass anders als bisher neueste internationale Sicherheitsmassnahmen auch in Japan umgesetzt würden. Kosmetische Massnahmen wie der Austausch von Verantwortlichen würden die Probleme nicht lösen, so der Bericht.

Der Ausschussvorsitzende Kurokawa, der früher Wissenschaftsberater der Regierung war und als unabhängiger Querdenker gilt, rief die Japaner auf, die Schuld nicht allein auf die Atomlobby abzuwälzen. Die grundlegenden Ursachen des Unfalls lägen in den in der japanischen Kultur verankerten Konventionen: des reflexartigen Gehorsams, der Abneigung, Obrigkeiten infrage zu stellen, der Hingabe, «am Programm festzuhalten», des Gruppendenkens und der Abgeschlossenheit, heisst es.

Kurokawa appelliert an die Japaner, dieses Denken zu ändern und eine ungehorsamere Zivilgesellschaft aufzubauen: «Das Resultat der Fahrlässigkeit in Fukushima war katastrophal, aber die Einstellung, die dazu geführt hat, findet sich überall in Japan», schreibt Kurokawa.



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