Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 30. Juli 2012, 09:22 Uhr

Die Wut in Japan wächst

Die Anti-Atom-Proteste in Japan ziehen immer mehr Teilnehmer an. Die Organisatoren bemühen sich um einen friedlichen Verlauf der Demonstrationen. Die Polizei soll keinen Anlass haben, sie zu unterbinden.


Patrick Zoll, Tokio

Auf einmal geht alles sehr schnell. Die Barrieren öffnen sich, und die Demonstranten strömen vom Trottoir auf die vielspurige Strasse, die zum japanischen Parlament führt. Die Polizei scheint überrumpelt und bildet hastig eine Menschenkette, um das Parlamentsgebäude abzuschirmen. Die Wut der Bürger hängt in der schwülen Sommerluft. «Wir wollen keine Atomkraft», schreien sie und drängen vorwärts gegen die Polizisten. Nach einigen Minuten erfolglosen Zuredens reichen die Polizisten das Mikrofon ihres Kommandowagens verzweifelt einer Organisatorin, welche die Menge zu besänftigen versucht.

Organisatoren zeigen sich

Szenenwechsel. Freitagabend in einem Presseklub in Tokio. Drei Paar Schuhe lugen unter dem Tisch auf dem Podium hervor: links schwarze, polierte Lederschuhe, in der Mitte grüne, mit Glasperlen dekorierte Highheels, rechts abgewetzte Springerstiefel. Diese drei so unterschiedlichen Paar Schuhe stehen für die Breite der Antiatombewegung in Japan. Sie gehören den drei Personen, die sich erstmals als Organisatoren der weiter anwachsenden Demonstrationen präsentieren.

Wortführerin ist eine Illustratorin und Designerin, die den Künstlernamen Misao Redwolf trägt. Sie ist es, die am Sonntag die Menge zu besänftigen versuchen wird. Seit 2007 engagiert sich die Frau mit den grünen Highheels gegen die Atomwirtschaft – bis vor wenigen Wochen habe sich aber nie jemand für sie interessiert, die Bewegung sei von den Medien totgeschwiegen worden.

Bilderstrecke: Anti-Atom-Demonstrationen in Japan

  • Die Polizei trennt den Zug durch die Innenstadt fein säuberlich vom Verkehr und lotst ihn ordentlich durch die Strassen.
  • Die Demonstranten kommen aus allen Gesellschaftsschichten, viele Familien mit Kindern sind dabei.
  • Die Polizei trennt den Zug durch die Innenstadt fein säuberlich vom Verkehr lotst ihn ordentlich durch die Strassen.

Die japanischen Demonstrationen gegen Atomkraft gewinnen weiter an Zuspruch. Zehntausende zogen am Sonntag trotz schwüler Hitze zum Parlament in Tokio und umringten dieses mit einer Lichterkette.

Die Springerstiefel gehören Takeyoshi Koizumi, einem ruhigen Studenten, der nur selten von seinen Papieren aufschaut. Er zählt jeweils die Teilnehmenden. Die überraschendste Person ist Norimichi Hattori, der passend zu den Lederschuhen in einen grauen Nadelstreifenanzug gekleidet ist. Hattori ist ein Salaryman, wie in Japan die zahllosen arbeitsamen Büroangestellten genannt werden. Als er erfuhr, dass er und seine Frau und ihr kleines Kind in einem Hotspot mit erhöhter Radioaktivität leben, wurde er zum Mitorganisator der Demonstrationen.

Eine Aussage ist den drei besonders wichtig: Die Demonstrationen sollen auf jeden Fall friedlich und damit allen Gesellschaftsgruppen zugänglich bleiben: Familien mit Kindern, Angestellten, Studenten und Rentnern. Die Politiker und die Polizei sollen auf keinen Fall einen Vorwand finden, die Demonstrationen zu unterbinden. Das Volk müsse das Wort haben.

Angst vor Provokateuren

Dass dies nicht einfach ist, zeigt sich gerade an diesem Sonntag. Kurz nach dem Start des Demonstrationszuges im Hibiya Park stehen am Strassenrand mehrere Dutzend flaggenschwingende Nationalisten. Sie schreien die Demonstranten an, bezichtigen sie des Verrats. Die Polizei wie auch eigene Ordner der Antiatombewegung halten beide Seiten auf Distanz. Eigentlich unnötig, denn die Demonstranten ignorieren die Hetzer oder schauen sie verständnislos an. Am Ende des Marsches vor dem Parlament sind es dann vor allem jüngere Demonstranten, die ungeduldig werden, nach vorne drängen, laut skandieren und sich mit der Polizei Wortgefechte liefern. Redwolf fleht diese über das Polizeimikrofon an, sich zurückzuhalten, die Bewegung nicht zu gefährden. Eine junge Frau in der Menge raunt dabei aber verärgert: «Auf welcher Seite steht die eigentlich?»

Oi als Auslöser

Dass die Organisatoren so weit gingen und mit der Polizei zusammenarbeiteten, zeige, wie besorgt diese seien, meint David Slater, der an der Tokioter Sophia-Universität das Institut für vergleichende Kultur leitet. Und, so Slater, es zeuge auch von der Reife der Bewegung, auch wenn diese eigentlich nur ganz lose organisiert sei: «Je länger die Politiker die Anliegen der Demonstranten ignorieren, desto schwieriger wird dies allerdings.» Noch vor ein paar Wochen mobilisierten die wöchentlichen Freitagsdemonstrationen bloss ein paar tausend Teilnehmer. Den Auslöser für den anschwellenden Zulauf an Demonstranten lieferte Regierungschef Yoshihiko Noda, als er Mitte Mai entgegen Warnungen von Experten und allen Meinungsumfragen die Wiederaufschaltung zweier Reaktoren im Atomkraftwerk Oi durchboxte. «Dass Noda das tat, kurz bevor zwei höchst kritische Berichte von offiziellen Untersuchungskommissionen erschienen, war einfach zu viel», sagt Jeffrey Kingston, Professor an der Temple-Universität in Tokio. Da sei es für jeden klargeworden, dass sich die Politiker um die Bürger foutierten.

Die verschiedenen politischen Beobachter sind sich uneinig, ob die Regierung weiterhin auf taub schalten kann. Eine freie Journalistin, die früher als politische Sekretärin im engsten Zirkel der DPJ gearbeitet hat, meint, dass der Einfluss der Atomlobby auf die Regierungspartei immer noch viel zu gross sei und dass die Demonstrationen daher kaum Aussicht auf Erfolg hätten. Ein Akademiker meint hingegen, dass sich die Politiker schon in ein, zwei Wochen dem Druck beugen müssten. Einig sind sie sich darin, dass das Wachstum und die Breite der Antiatombewegung in den letzten Jahrzehnten in Japan einmalig seien und Veranstalter wohl ebenso überrascht hätten wie die Politiker.

Atomkraftgegner verliert Gouverneurswahl in Japan

Ein Rückschlag für die Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan: In der Präfektur Yamaguchi verlor am Sonntag ein Atomkraftgegner eine Gouverneurswahl. Tetsunara Iika habe gegen den früheren Beamten Shigetaro Yamamoto mit 185 654 zu 252 461 Stimmen verloren, teilte die Präfektur am Montag mit.

Beobachter verwiesen darauf, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung zwar in Metropolen wie Tokio Zulauf bekommen hat; auf dem Land – wo sich die Atomkraftwerke und damit verbundenen Arbeitsplätze befinden – wird die Kernenergie weiterhin akzeptiert. Das Wahlergebnis in Yamaguchi sei dafür ein Beleg.

Lichterkette ums Parlament

Beim sonntäglichen Protest geht es ein paar hundert Meter vom Gedränge vor dem Parlamentszugang wieder ganz gesittet zu. Menschen jeglichen Alters sitzen auf dem Boden, Kinder schlafen in den Kinderwagen. Die Erwachsenen halten Kerzen in den Händen, viele auch kleine, handgeschriebene Schilder gegen die Atomkraft. Immer wieder rufen sie in Sprechchören «Genpatsu iranai – Atomkraft, nein danke». Rund 200 000 Personen, so schätzen die Veranstalter, seien gekommen. Das Ziel, das Parlament mit einer Lichterkette einzukreisen, ist geschafft.

Kurz nach acht verkünden die Veranstalter, die Kundgebung vor dem Parlament sei vorbei. Die angespannte Stimmung bei der Polizeisperre löst sich fast augenblicklich. Japanisch diszipliniert begeben sich die Teilnehmenden auf den Heimweg. Sie seien mit der Zahl der Teilnehmenden sehr zufrieden, meint einer der Organisatoren. Redwolf selber sitzt hingegen etwas abseits sichtlich erschöpft auf dem Boden. Sie fragt sich wohl in diesem Moment, wie lange es ihre Gruppe noch schaffen wird, die Wut der Menschen in geordneten Bahnen zu halten.

Grüne Partei gegründet

Lokalpolitiker und Aktivisten haben am Samstag in Tokio die Grüne Partei Japans gegründet. «Wir wollen jene Partei sein, die für den Wunsch der Bevölkerung nach einem Ende der Atomenergie eintritt», sagte ein Tokioter Lokalpolitiker und Mitbegründer der Partei. Da beide grossen Parteien, die regierende DPJ wie die oppositionelle LDP, an der Atomkraft festhalten wollten, hätten die Wähler bisher keine Möglichkeit gehabt, ihrem Wunsch nach dem Atomausstieg an der Urne Ausdruck zu geben.

Gegenwärtig erfüllt die Gruppierung die gesetzlichen Anforderungen für die Gründung einer politischen Partei noch nicht, doch bei den Oberhauswahlen im nächsten Sommer will sie mit zehn Kandidaten antreten. Falls Regierungschef Yoshihiko Noda bereits früher das Unterhaus auflöst und so Neuwahlen veranlasst, wollen die Grünen auch da teilnehmen. Doch die Ressourcen dazu scheinen noch sehr beschränkt. Kernforderung der Grünen ist die verstärkte Nutzung von alternativen Energien, um so sowohl den Atomausstieg zu ermöglichen als auch den Ausstoss von Treibhausgasen zu senken. Auch sind sie gegen den Export von Nukleartechnologie und den Beitritt Japans zur Transpazifischen Partnerschaft, einem regionalen Freihandelsabkommen.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
3 Beiträge
mercator (30. Juli 2012, 18:58)
...journalistische Aufschneidereien......

Ein Teil der Journalisten müssen mit unglaublich niederem Horizont geschlagen sein, sonst würden wir nicht mit derart unsinnigen Artikeln belästigt.

Beitrag kommentieren

Willi1937 (30. Juli 2012, 08:35)
Kleines Grüppchen AKW Gegner

0.04 - 0.15 % der Japaner demonstrierten gegen AKW. 99.85 % sind still oder sehen ein, dass die Katastrophe von Fukushima, mit einer sorgfältigen Wartung, hätte verhindert werden können. Kernkraft ist auch für Japan eine sehr wichtige Energie, die nur durch umweltschädlichere Energien ersetzt werden könnte. Wann werden unsere Behörden vernünftig und befürworten den Ersatz der alten AKW durch neue, verbesserte AKW der 3. Generation. Damit könnte unserer Landschaft, dem Klima, der Versorgungssicherheit, der Auslandabhängigkeit und dem Portemonnaie ein sehr grosser Dienst erwiesen werden.

Beitrag kommentieren

adolfk31 (30. Juli 2012, 03:53)
Zu wenig Demonstranten ...

Denn in Japan werden diese lediglich ausgelacht und Toyota ist die Ruekkehr zur Welt Export Liste wieder gelungen ... Trotz starkem JEN !

Beitrag kommentieren

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Fussball

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg