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Tagblatt Online, 13. Juli 2012, 09:16 Uhr

Berichte über neues Massaker

Ein Verwundeter des Massakers von Tremseh, Syrien. Zoom

Ein Verwundeter des Massakers von Tremseh, Syrien. (Bild: Keystone / AP)

Regierungstruppen in Syrien haben gemäss der Opposition ein neues Massaker verübt. Mindestens 150 Menschen sollen getötet worden sein.


(sda/dapd/afp/Reuters/dpa)

Im syrischen Dorf Trimseh sind am Donnerstag bei einem Angriff der syrischen Armee nach Angaben von Aktivisten mindestens 150 Personen getötet worden. Bisweilen war unter Verweis auf Augenzeugen gar von 220 bis 250 Todesopfern die Rede, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich. Sollten sich die Angaben bewahrheiten, wäre es das schlimmste Massaker an Zivilisten seit Beginn der Proteste gegen das Regime von Präsident Bashar al-Asad vor 16 Monaten.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Aktivisten berichteten, dass Kräfte des syrischen Regimes das «abscheuliche Verbrechen» verübt hätten. Die Allgemeine Kommission für die Syrische Revolution teilte in der Nacht auf Freitag mit, die Armee habe das Dorf Trimseh erst belagert und unter Beschuss genommen. Dann seien Milizionäre des Regimes aus umliegenden Dörfern in den Ort gekommen, um die Menschen in ihren Häusern zu töten.

Das syrische Fernsehen berichtete hingegen, dass «terroristische Gruppen» für das Massaker verantwortlich seien.Ziel sei es, die öffentliche Meinung gegen Syrien aufzuheizen. Das Massaker sei während der Sitzung des Uno-Sicherheitsrates verübt worden. Es diene dazu, ein militärisches Eingreifen von aussen vorzubereiten. Auch drei Angehörige der Sicherheitskräfte seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen.

Laut der Allgemeinen Kommission für die Syrische Revolution dauerte die Suche nach den Opfern bis in die Nacht. 150 Leichen seien in die Moschee des Dorfes gebracht worden.

Die Opposition und die Regierung machten sich auch am Freitag gegenseitig für den blutigen Zwischenfall in Trimseh verantwortlich, das rund 35 Kilometer nordwestlich von Hama liegt.

Ergebnislose Verhandlungen in New York

Die Verhandlungen im Uno-Sicherheitsrat hatten in der Nacht ergebnislos geendet. Russland stellt sich weiterhin gegen die Verabschiedung einer Resolution gegen Syrien. Grund dafür sind die darin enthaltenen Drohungen von Sanktionen, wenn sich die Parteien nicht an die Beschlüsse des Sicherheitsrates halten.

Russland lehnt nach wie vor jeden Bezug auf Kapitel VII der Uno-Charta ab. Darin ist die Durchsetzung von Resolutionen geregelt, notfalls auch mit militärischen Mitteln. Der aktuelle Resolutions-Entwurf beschränkt sich jedoch ausdrücklich auf Wirtschaftssanktionen und Reiseverbote und schliesst militärische Mittel aus. Am Freitag will das Gremium weiter beraten.

Unabhängige Berichterstattung aus Syrien gibt es kaum

srs. Nach dem neuerlichen blutigen Zwischenfall in Syrien hat der Nahost-Korrespondent der NZZ auf die schwierige Informationslage in dem Land hingewiesen. Objektive Informationen darüber seien wohl erst zu erhalten, wenn es den im Land befindlichen Uno-Beobachtern gestattet werde, sich selbst ein Bild von der Lage in der Ortschaft Trimseh zu verschaffen, sagt Jürg Bischoff in Beirut.

Zunächst sei er auf oppositionelle Organisationen als Quellen angewiesen, die ihre Informationen direkt im Bürgerkriegsgebiet sammelten. Dies könne man allerdings nicht überprüfen, da sich in Syrien keine unabhängigen journalistischen Beobachter aufhielten. Dennoch seien auch die Berichte der staatlichen Medien oder der amtlichen Nachrichtenagentur Sana beachtenswert. Auch sie berichteten über Kämpfe in Trimseh. Westliche Journalisten, die sich offiziell in Syrien aufhielten, seien entweder von der Regierung Asad oder von den Rebellen eingeladen worden. Sie könnten sich deshalb auch kein umfassendes Bild von der Lage machen.

Seriöse Angaben über die Zahl der Opfer in Trimseh seien schwer möglich. Bischoff verweist allerdings auf einen Unterschied zwischen Stadt und Land: Die Häuser in solchen kleinen Dörfern seien nicht so stabil gebaut wie die in den grösseren Städten. Bei einem Artilleriebeschuss gebe es deshalb mehr Opfer als bei einem vergleichbaren Beschuss einer Stadt. Die Stadtbewohner hätten immerhin noch die Möglichkeit, in den Keller oder das Innere der Wohnung zu fliehen.



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