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Tagblatt Online, 11. August 2012, 22:00 Uhr

Skurrile und bedenkenswerte Vorgänge

Die internationale Jury unter dem Vorsitz des thailändischen Regisseurs und Produzenten Apichatpong Weerasethakul bevorzugt eindeutig skurrile, absurde Geschichten – und die Spielfilm-Gattung.


Bettina Spoerri

Die internationale Jury unter dem Vorsitz des thailändischen Regisseurs und Produzenten Apichatpong Weerasethakul bevorzugt eindeutig skurrile, absurde Geschichten – und die Spielfilm-Gattung. Den Pardo d'Oro, den Goldenen Leoparden, hat sie an «La fille de nulle part» von Jean-Claude Brisseau vergeben. Der französische Filmemacher, der sich in seinem bisherigen Werk immer wieder mit der dunklen Seite der Sexualität auseinandergesetzt hat (etwa in der Erotik-Groteske «Choses secrètes», 2002), spielt darin selbst die Hauptrolle: einen pensionierten Mathematikprofessor, der eine junge obdachlose Frau bei sich aufnimmt und erlebt, wie sich seine Wohnung in ein seltsames Spukkabinett verwandelt.

Die Jurys hatten keine einfache Wahl. Allein im Internationalen Wettbewerb, der wichtigsten Festivalkategorie, figurierten schon 19 Filme: eine äusserst heterogene Zusammenstellung von Spiel- und Dokumentarfilmen unterschiedlichster Stilrichtungen, von der musikalischen Bildkomposition des Schweizers Peter Mettler bis hin zu eher konventionellen Filmerzählungen wie «Une estonienne à Paris» des Esten Ilmar Raag. In den verschiedenen Wettbewerben wurden insgesamt weit über zwanzig Preise an Filmautoren und Schauspieler verliehen, dazu zahlreiche «Besondere Erwähnungen» – Letzteres könnte darauf hinweisen, dass die Diskussionen in den Jurys kontrovers geführt wurden.

Die Schweizer Beiträge gehen (abgesehen natürlich von nationalen Wettbewerben) leer aus. Peter Mettlers poetische Reflexion über Zeit und Mensch, «The End of Time», ist ebenso wenig mit einem Preis bedacht worden wie «Image Problem» der beiden jungen Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner; ihr Schicksal teilt «Tutti Giù» des Tessiners Niccolò Castelli in der Rubrik Cineasti del presente. Stattdessen finden sich mehrheitlich französische, englische und amerikanische Filme unter den ausgezeichneten Werken.

Im Internationalen Wettbewerb dominierten dieses Jahr Filme, die von befremdlichen und bizarren Ereignissen erzählten – so auch der unterhaltsame, aber angestrengt komische Spielfilm «Somebody Up There Likes Me» (von Bob Byington, USA) über die Hochs und Tiefs eines lebensuntüchtigen Mannes; diesen Film zeichnet die Jury mit einem Premio speciale aus. Wie ein anderer junger Mann durch die brutale Behandlung der Polizei zum mehrfachen Mörder werden konnte, lotet das südkoreanische Drama «Wo hai you hua yao shuo» (When Night Falls) aus – es basiert auf einem erschütternden, wahren Fall.

Eine klare Entscheidung für den künstlerisch-formal innovativen Film hat die Fipresci-Jury mit ihrer Vergabe an «Leviathan» von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel getroffen. Die beiden Filmemacher – er auch Ethnologe, sie Anthropologin – dokumentieren darin mit hoch expressiven Bildern die erbarmungslose Totalverwertung der gefangenen Meerestiere auf einem Fischtanker. Ein dagegen ruhiger Film, der eine friedliche Koexistenz von Mensch und Natur ins Zentrum rückt, ist «Inori» von Pedro González-Rubio über eine kleine, überalterte Berggemeinde in Japan; er erhält den Pardo d'Oro in der Sektion Cineasti del presente. Der japanischen Filmkünstlerin Naomi Kawase widmete Locarno dieses Jahr eine besondere Hommage; nun kann sie sich auch über eine neue Auszeichnung mitfreuen, denn sie ist zugleich die Produzentin von «Inori».



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
adolfk31 (12. August 2012, 16:02)
Wau ....

und dabei werden im thailaendischen Fernsehen praktisch nur Sendungen aus Korea ausgestrahlt ! Wahrlich, zu Experten sollte man sich ernennen lassen gogen ...

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