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Tagblatt Online, 12. Juli 2012, 19:01 Uhr

Der Blues, der Rock und die Rollenspiele

Die Rolling Stones in London (1963) – auf dem Weg zu ihrer steilen Karriere. Zoom

Die Rolling Stones in London (1963) – auf dem Weg zu ihrer steilen Karriere. (Bild: Terry O'Neill / Hulton / Getty)

Am 12. Juli 1962 gaben die Rolling Stones im Londoner Klub «Marquee» ihr erstes Konzert. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten hat die britische Band die Pop-Musik und die Pop-Kultur geprägt wie keine andere.


Ueli Bernays

Proben und spielen in tiefen Kellern ist das eine. Etwas anderes ist es, Gitarren, Trommeln, Verstärker und Mikrofone zusammenzupacken, hochzuschleppen ans Licht der Welt, fortzukarren und wieder aufzubauen auf einer Bühne, vor einem Publikum . . . Insofern muss es für die jungen Gitarristen Brian und Keith, den Pianisten Ian, den Sänger Mick und ein paar weitere Dilettanten eine umwerfende Nachricht gewesen sein, als sie am 12. Juli 1962 im renommierten Londoner Klub «Marquee» auftreten sollten. Als Pausenband waren sie ins Programm gerutscht. Und also musste sofort ein Bandnamen her. Brian hatte die Autorität, die Clique zu taufen: «Rollin' Stones» nannte er sie – in Anlehnung an den Blues «Rollin' Stone» von Muddy Waters. Diesen Blues-Helden verehrten und imitierten die jungen Musiker ebenso wie etwa Howlin' Wolf oder Chuck Berry.

Bilderstrecke: 50 Jahre Rolling Stones

  • Die Rolling Stones in einer Aufnahme von 1963 (v.l.n.r): Charlie Watts, Mick Jagger, Bill Wyman, Keith Richard und Brian Jones.
  • Im April 1967 kommt es während eines Konzerts der Stones im Zürcher Hallenstadion zu wüsten Ausschreitungen.
  • Mick Jagger, der Sänger der Rolling Stones, im Oktober 1968 für einmal mit der Gitarre.

Am 12. Juli 2012 feiern die Rolling Stones ihr fünzigjähriges Bestehen – sie können dabei nicht nur in musikalischer Hinsicht auf eine bewegte Zeit zurückblicken.

Vom Blues zum Rock'n'Roll

In den USA hatte Elvis Presley gezeigt, wie man aus der Musik der Afroamerikaner den Sound der Jugend zubereitete. Trotzdem blieb der Blues für das weisse Amerika vorerst ein peripheres Phänomen. Die bald klagenden, bald wütenden Lieder der unterprivilegierten Schwarzen boten scheinbar wenig, womit sich ein aufgekratzter oder verträumter Teenager identifizieren mochte.

In Europa und insbesondere in Grossbritannien war die Situation anders. Kaum war der Weltkrieg vorbei, sorgte der Eiserne Vorhang abermals für eine gespannte Atmosphäre, die sich zuweilen zuspitzte (wie 1956 in der Suezkrise). Gleichzeitig sorgte die Hochkonjunktur, die Morgenröte der Konsumgesellschaft, unter den Babyboomern für Hoffnungen und Begehrlichkeiten, die sich mit der Skepsis und dem Rationalismus der Elterngeneration schlecht vertrugen. Als die Jugend über den American Way of Life und Stars wie Elvis Presley, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis auch mit der Blues-Tradition konfrontiert wurde, entdeckten junge Musik-Freaks für sich eine Welt jenseits europäischer Erfahrungen – neue Idole, neue Projektionsfiguren. Allerdings gab es zum Faszinosum des Blues-Sängers durchaus eine Vorgeschichte. Der singende «negro» nämlich erinnerte an jene «edlen Wilden», die Europa früher schon in Zeiten kultureller Umbrüche heimgesucht hatten. Wie diese wurden die Blueser vom europäischen Publikum oft verklärt – mehr noch: in Klischees gedrängt. Sie sollten Latzhosen tragen und sich einzig von akustischen Instrumenten begleiten lassen, fanden Puristen; alles andere war Kommerz.

Keith Richards, der sich zu Beginn der sechziger Jahre an einer Kunstakademie herumtrieb, zählte zu den Blues-Freaks, nicht aber zur Puristen-Fraktion. Als Freizeitgitarrist übte er mit Hingabe und Ausdauer vorab die Rock'n'Roll-Licks seines Vorbildes Chuck Berry. Aber er schwärmte auch für die Tradition. So lernte er Mick Jagger kennen, einen gutsituierten Wirtschaftsstudenten, der mit Schallplatten massgebender Blues-Sänger auftrumpfte – eine Sensation auf dem damals noch mageren europäischen Musikmarkt. Das gemeinsame Hören und Nachspielen der Platten machte aus den Musikfans Freunde – über flagrante soziale Differenzen hinweg (obwohl Rock'n'Roll in Grossbritannien von der Working Class in Anspruch genommen wurde). Und im Verbund mit Brian Jones und dem Boogie-Woogie-Pianisten Ian Stewart festigte sich ihre Gemeinschaft allmählich in einer bald ziemlich ruchbaren Rhythm'n'Blues-Band.

Das Repertoire bestand in den ersten Jahren aus einigen Dutzend Blues-Titeln. Auf der ersten Single veröffentlichte die Band, zu der im Herbst 1962 der Schlagzeuger Charlie Watts und der Bassist Bill Wyman gestossen waren, «Come On» von Chuck Berry und «I Want To Be Loved» von Bille Dixon. 1964 hatte man während einer ersten – ziemlich missglückten – USA-Tournee immerhin Aufnahmen im legendären Blues-Studio von Chess Records machen können. Dabei spielten die Rolling Stones auch Bobby Womacks Titel «It's All Over Now» ein, mit dem sie erstmals die Spitze der britischen Charts erreichten. Der Soulsänger Womack soll sich zuerst gegen eine Coverversion der Stones ausgesprochen haben. Als er später indes Tantièmen kassierte, verflüchtigten sich die Vorbehalte rasch. Es zeigte sich, wie der Blues-Kult der Briten zwischen Parasitentum und Symbiose schwankte. Die Rolling Stones jedenfalls haben mit ihrem Repertoire zu einem internationalen, mithin auch amerikanischen Black-Music-Boom beigetragen.

Pop und Image

Die Karriere der Rolling Stones begann mit unschuldiger Begeisterung für Blues und Rhythm'n'Blues, den sie originalgetreu nachspielen wollten. Darauf reduzierte sich ihr Ehrgeiz weitgehend, bis sie ihr Schicksal 1963–67 in die Hände von Andrew Loog Oldham legten. Der smarte Manager und Pop-Künstler, der nach dem vorzeitigen Abbruch seiner Schulkarriere an der Seite des Beatles-Produzenten Brian Epstein einige Erfahrungen im Musikbusiness gesammelt hatte, wollte die Band quasi zu seinem persönlichen Kunstwerk machen (ähnlich wie später Malcolm McLaren die Sex Pistols). Er war es einerseits, der Richards und Jagger dazu antrieb, eigene Songs zu schreiben. So gab er den Anstoss zu einer erfolgreichen Songwriter-Kooperation. Rhythm'n'Blues blieb zumeist das musikalische Grundmaterial, über die Jahre und Jahrzehnte kombinierten es die Stones dann mit Country, Reggae, Punk oder Disco. Ihr Sound aber überzeugte stets da, wo genug Raum blieb für prägnante Gitarren-Riffs und die spröde Kraft des Blues. Jagger schuf sich als Vokalist dadurch ein eigenes Profil, dass er die expressive Bravour der Blues- und Soul-Idole, denen er gesanglich nicht gewachsen war, auf eine unverwechselbar rotzige Schärfe herunterbrach, die nun hervorragend passte zum Rebellen-Image der Rolling Stones.

Das Bad-Boy-Image war eine Art Pop-Hülle, die Andrew Oldham über die fünfköpfige Gruppe mit Richards, Jagger, Brian Jones (1969 verstorben), Bill Wyman und Charlie Watts legte. Den Pianisten Ian Stewart hatte Oldham unterdessen ins Abseits gedrängt: Zwar sollte dieser weiterhin die Piano-Parts einspielen, aber als offizielles Mitglied schien er dem Manager zu bieder. Oldham wollte, dass seine Musiker die Rolle gefährlicher Outlaws spielten, um öffentlich als Antagonisten der netten Beatles aufzutreten. Tatsächlich ernteten sie mit dem Bürgerschreck-Image anmassender Rocker und notorischer Erotomanen nicht weniger Hass als später die Punks. Doch just die Ablehnung durch Eltern und Establishment sicherte der Band Erfolge bei den Jugendlichen. In den Anfängen vertraten die Rolling Stones das Prinzip Sex, Drugs und Rock'n'Roll mit viel Plausibilität. Die Verbindung von Musik, Hedonismus und Rebellion war quasi ihr Erfolgsrezept. Und so bewährten sie sich als Projektionsfiguren einer neuen, aufbegehrenden Generation. Jagger, Richards und Kollegen mochten nur leise oder gar nicht Stellung beziehen zu sozialen Fragen oder zum politischen Tagesgeschehen; die Strassenkämpfe aufbegehrender Studenten thematisierten sie in Songs wie «Street Fighting Man» ja eher zweideutig und unentschlossen. Dennoch wurde ihre Musik bald zum Soundtrack sozialer Umbrüche. Kultivierung und Bewirtschaftung des Rebellen-Images aber bargen immer wieder auch Tücken. Zauberlehrlinge der Rock-Kultur, konnten die Rolling Stones die Geister, die sie heraufbeschworen, bald nicht mehr kontrollieren. Ihre Konzerte endeten immer öfter in wüsten Tumulten. 1969 am Festival von Altamont wurde ein Zuhörer während ihres Auftritts erstochen – von einem Mitglied der Hell's Angels, die als Sicherheitskräfte hätten fungieren sollen.

Alter und Parodie

Später wiederum gingen Show und wahres Leben rasch auseinander. Dass Rock'n'Roll ein glamouröses Theater ist, war dem Publikum bald klar. Jedoch überzeugten ein Mick Jagger oder ein Keith Richards immer weniger im Dispositiv von Jugendlichkeit und Subversion. Schon in den siebziger Jahren erwarteten viele von den Stones zumindest einen Rückzug aus der Musikszene (beim von Sucht gezeichneten Richards war man auf weit Schlimmeres gefasst). Es spricht allerdings für diese Rock-Klassiker, dass sie immer wieder Energien frei machen konnten, um ihr regelmässig aufgefrischtes Repertoire auch an den immer pompöseren Konzert-Shows noch mit erstaunlicher Frische zu präsentieren. Die Rolling Stones werden heute gerne als alte Knacker des Rock'n'Roll verlacht. Da spricht es für sie, dass sie mitunter auch mitlachen. Keith Richards schreibt in seiner Autobiografie über die Erfahrungen als Rock-Star: «Es ist unmöglich, nicht als Parodie dessen zu enden, für den man sich gehalten hat.»

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