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Tagblatt Online, 16. Juli 2012, 14:44 Uhr

Alte Bekannte und ein grosser Unbekannter

Gegentribüne

Zoom

St.Gallen spielte fast ausschliesslich mit bisherigen Spielern - so unter anderem dem einzigen Torschützen für die Espen in diesem Spiel, Nico Abegglen (Bild: Michel Canonica)

Der FC St.Gallen hatte beim Saisonstart erstaunlich viele Spieler aus dem letztjährigen Kader im Einsatz. Wer aber ist bloss der 1 Meter 87 grosse Schlaks im Mittelfeld?


Der Auftakt in die neue Super-League-Saison ist gelungen: Es gab schon sieben Törchen zu bejubeln und noch kein Verein ist Konkurs gegangen. Solcher Zynismus steckt nach dem Schrecken der vergangenen Saison halt noch in den Kleidern, und damit muss vorerst auch der neue Namensgeber Raiffeisen leben. Aber die Meisterschaft ist auch sonst gut in die Gänge gekommen, nicht zuletzt aus St.Galler Optik. Während Trainer Jeff Saibene couragiert glaubt, um Rang fünf mitspielen zu können, strafte die Mannschaft ihrerseits mit dem 1:1 gegen YB die Scharen von Pessimisten Lügen. Man wird sich hüten, nach nur einem Spiel Schlüsse zu ziehen, aber einige Auffälligkeiten waren schon bemerkenswert. So liess Saibene nicht weniger als neun Akteure auflaufen, die schon in der Challenge League dem Kader angehörten. Dabei fehlten mit Etoundi und Martic zwei Verletzte mit Anspruch auf regelmässige Einsätze. Neu waren einzig Nater und Janjatovic, die Muntwiler und Imhof im Mittelfeld ersetzen.
 
Mehr Spiel, weniger Knochenarbeit
Das Geschehen erinnerte an die beiden Cupspiele gegen Thun und Zürich von vergangenem Herbst: Das spielerische Element wurde stärker betont als  in der Challenge League, nicht zuletzt auch vom Gegner. Sollte der Match vom Sonntag beispielgebend dafür gewesen sein, dass man in der Super League mehr den Ball zirkulieren lässt und weniger dem Gegenspieler auf die Knochen schlägt, dann könnte es trotz häufigerer Niederlagen eine schöne Saison geben. Auffällig war auch die gute Laune auf den Rängen. Der Espen- Block war deutlich besser besetzt als zuletzt, und die Choreografie schwappte sogar auf die benachbarten Sektoren über. Die Zuschauer erschienen für einen Sommerferien-Termin zahlreich, so viele wie beim letzten Heimspiel gegen die Young Boys.

St.Gallens Anhänger applaudierten für Szenen, die letzte Saison noch mit Murren quittiert worden waren: Ein Fehlpass gegen YB wird eben eher toleriert als ein solcher gegen Chiasso. Schliesslich trugen die YB-Fans zum Gelingen bei: keine einzige Verunglimpfung des Gegners, nur Ansporn für die eigene Mannschaft im komplett pyrofreien Spiel. Die Hooligans scheinen sich auf den Marktplatz verzogen zu haben. . .
 
Als es noch den «Sport» gab
Auch medial gab es Erfreuliches festzustellen. Der Match wurde gleich von zwei Fernsehstationen live übertragen. Die Qualität konnte ich nicht beurteilen, weil ich ja im Stadion sass. Aber Schweizer Fernsehen und Teleclub und der Bilderproduzent aus Gossau verstehen ja ihr Handwerk. Ich spreche die Information im Vorfeld an: Das «Tagblatt» war stets am Ball in der Vorbereitungsphase des FC St.Gallen und als schönes Kuriosum war zu erfahren, dass Trainer Saibene  mit seinem Kader unter 2048 möglichen Informationen auswählen kann. Nicht zuletzt verbreitete der «Blick» ein Magazin mit 36 Seiten und Überblick über alle Super-League-Teams. Dass ich mich in der Bundesliga heutzutage besser auskenne, hat auch damit zu tun, dass dort vor jeder Saison Sonderhefte erscheinen. Seit 1968 habe ich für jedes Jahr ein Exemplar, meistens die Ausgabe des «Kicker», im Pult daheim gestapelt. Die Sammlung reicht zurück bis in jene Zeit, als noch Trainerlegenge Max Merkel mit Nürnberg Meister wurde und ein Jahr später abstieg. In der Deutschschweiz deckte damals noch der dreimal pro Woche erscheinende «Sport» das Geschehen auf Pisten und in Stadien ab. Redaktor Martin Born, heute beim «Tages-Anzeiger», schrieb einmal zurecht: «Der Mittwoch war der schönere Tag als der Dienstag, weil dann der ‚Sport‘ erschien.»
 
Park und Pak
Heute erfüllt einzig der «Blick» noch diese Aufgabe. Alle andern Tageszeitungen sind beim Sportgeschehen regional gefärbt. Doch der «Blick»-Sportteil ist mir trotz guter redaktioneller Leistungen zu boulevardesk. Als ich mir auf der Redaktion das Sonderheft schnappte, war ich entsprechend skeptisch: Primär würde ich statt Fussballer deren Freundinnen im Bikini zu Gesicht bekommen. Nichts gegen solche Körperschau. Aber wer schon ins Kino ging, als Ursula Andress ein James-Bond-Girl war, zieht dann doch die rein sportliche Thematik vor. Das Sonderheft überraschte indessen angenehm. Fakten zu den Spielern sind auch deshalb wichtig, weil heute die Kader nicht mehr bloss 16 oder 18 Spieler umfassen, sondern zwei komplette Mannschaften, und man auch mehr Mühe hat, sich die Namen zu merken. So ist beim FC Basel ein Spieler namens Park, ein Südkoreaner, und ein solcher namens Pak, ein Nordkoreaner,  aufgeführt. Doch auch sonst wimmelt es von fremd klingenden Namen. Da kommt einem Janjatovic schon ganz vertraut vor.
 
Janjatovics Marktwert 50'000 Euro
Der Deutsch-Serbe gehörte am Sonntag zusammen mit Stéphane Nater zum neu gebildeten Mittelfeld des FC St.Gallen, das sich nahtlos integrierte. Von Stéphane Nater hat man schon gehört. Wer aber ist denn dieser Schlaks, der dort wie ein alter Hase auftrat? In diesem Fall war die Nachrichtenlage dürftig. Im Palmarès des Deutsch-Serben sind zwei  Stationen aufgeführt: Bayern München und Getafe. Ich googelte und fand heraus, dass Dejan Janjatovic in der U-19-Nationalmannschaft von Deutschland gespielt hat und er im Frühjahr dazu beitrug, dass sich die U-21 des FC St.Gallen für die neue 1. Liga qualifizierte. Auf der Homepage von «Transfermarkt» wird sein Marktwert mit 50'000 Euro angegeben. Das führt wohl zurück zur Realität: So gut, wie er am Sonntag gespielt hat, kann der 20-jährige (noch) gar nicht sein. . .

Fredi Kurth

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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
Kollege (17. Juli 2012, 11:00)
Transfermarkt als Quelle?

Die Kolumnenqualität von Fredi Kurt war gemäss mir schon immer äusserst bescheiden. Mit dieser hier schafft er aber wieder mal über sich hinauszuwachsen. Pasagen über Fans überlese ich sowieso, da diese an bodenloser Frechheit kaum zu überbieten sind. Der letzte Absatz lässt aber den Fussball-/Internetsachverstand von Herrn Kurth durchblicken. Dass jemand Transfermarkt als Quelle für den Wert des jeweiligen Spielers angibt, passiert höchstens auf den Primarschulhöfen. Spätestens in der Oberstufe wissen aber alle, dass diese Zahlen nichts mit der Realität zu tun haben.
Ich kann an Fredi Kurths Kolumne, obwohl ich sie immer lese, nichts abgewinnen. Interessanter als der Marktwert Janjatovic dürfte für Fans wohl die Frage sein, warum Nater nicht die Jugend bei uns durchspielte und schon mit 16 von St. Gallen abzog. Dies würde aber Journalismus benötigen und nicht den von ihm getadelte Boulevardjournalismus. Da hilft Google nicht.

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tschiibii (16. Juli 2012, 16:08)
Dejan Janjatovic

Dejan Janjatovic hat seine Qualitäten bereits beim letzten Meisterschaftsspiel in Vaduz gezeigt und im "Blitz-Turnier" am 8.. Juli war er für mich der beste Spieler aller drei Mannschaften. Wenn er so weiter spielt, wird er eine echte Verstärkung für unseren FCSG sein. Danke für den guten Bericht!

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