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Tagblatt Online, 22. Juni 2012, 20:36 Uhr

Was für ein loyaler Chef

Deutschlands Coach Joachim Löw ist bisher mit nur 15 Spielern ausgekommen – ein sensationell niedriger Wert

Wäre Jerome Boateng nicht gesperrt gewesen, dann hätte Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw an der EM drei Mal die selbe Startformation nominiert. Ersatzspieler sehen keine Chance auf Einsätze.


Stefan Osterhaus, Danzig

Selten schienen die Dinge klarer, die Situation eindeutiger, die Spieler entspannter, der Bundestrainer zuversichtlicher. «Wir sind voller Freude vor diesem Spiel gegen Griechenland», erklärte Joachim Löw. So etwas hört man selten. Voller Freude! Das gibt es nicht oft, und das ist verständlich, denn man könnte meinen, dass die Deutschen angesichts eines solch günstigen Loses für das Viertelfinal von heute Freitag vor lauter Freude nicht mehr in den Schlaf finden.

Griechenland gegen den Turnierfavoriten Deutschland. Um den Gegner starkzureden, muss Joachim Löw sein ganzes rhetorisches Können aufbieten («wir werden die Griechen nicht unterschätzen»). Es ist nicht einfach, aber Joachim Löw reüssiert trotzdem ansatzweise darin: «Ein Viertelfinale ist Kampf auf Biegen und Brechen. Wir werden ein Stück weit auf Granit beissen.»

Lauter Reservisten

Kein Wunder, könnte man einwenden, denn die DFB-Equipe ist ja berechenbar. Nicht unbedingt stilistisch, nein, ein Spieler wie Mesut Özil wird immer unvorhergesehene Dinge tun. Aber auf den Personalstamm wird sich der Kontrahent bestens einstellen können. Denn im deutschen Lager, wo angeblich dufte Atmosphäre herrscht, gibt es eine Gruppe, deren Frustration von Tag zu Tag wachsen dürfte: Es sind die Ersatzspieler.

In der vergangenen Woche hatten die deutschen Fussballer zum ersten Mal Freigang an der Europameisterschaft. Da schlenderten auch die beiden Torhüter Ron-Robert Zieler und Tim Wiese, die Verteidiger Marcel Schmelzer, Benedikt Höwedes und Per Mertesacker, der Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan und die kleinen Genies Mario Götze und Marco Reus durch die Stadt. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: null Einsatz-Minuten.

Selten ist ein Nationaltrainer mit weniger Personal an einem Turnier ausgekommen. Wäre der Verteidiger Jerome Boateng gegen Dänemark nicht gesperrt gewesen, dann hätte Löw gleich drei Mal dieselbe Startformation aufgeboten. Boateng wurde von Lars Bender ersetzt, der zuvor zwei Mal eingewechselt wurde. André Schürrle wurde ein einziges Mal eingewechselt, in jenem Spiel durften Toni Kroos und Miroslav Klose noch einmal aufs Feld – zwei Spieler, die eigentlich Kandidaten für die Startformation sind.

15 Spieler kamen aus dem 22-köpfigen Kader bisher zum Einsatz. Das ist ein sensationell niedriger Wert, der geringste im ganzen Turnier. Zwei Kräfte konnten sich mit einem exzellenten Auftakt ins Team hineinspielen – Mats Hummels nutzte seine Chance ebenso wie Mario Gomez. Löw ist seinem Personal gegenüber an dieser Europameisterschaft ein loyaler Chef. Das war früher anders. Noch vor zwei Jahren an der Weltmeisterschaft in Südafrika galt für Löw der Grundsatz, wonach sich die Mannschaft während des Turniers finden werde.

Kleine Genies im Wartestand

Nicht jeder dürfte sich leichttun mit der Rolle des Reservisten. Mario Götze mag sein Dasein im Wartestand wegen einer langen Verletzung noch verwinden können. Für Marco Reus hingegen ist diese Wartezeit vielleicht deshalb etwas schwerer zu begreifen, da der Neo-Dortmunder mit Mönchengladbach zu den besten Spielern der Saison gehörte – und der Bayer Thomas Müller im rechten offensiven Mittelfeld bisher viel Einsatz mit überschaubarem Effekt gezeigt hat.

Niemand begehrt auf. Stiller ging es selten zu an einem Turnier, der Coach hat den Laden im Griff. «Es ist auf der einen Seite natürlich nicht befriedigend. Aber wenn sich das hier bei uns so einspielt, wir bis zum Ende damit als Mannschaft erfolgreich sind und ich meinen Teil dazu beitragen kann, dann nehme ich das, wie es ist», sagte Toni Kroos gegenüber der «FAZ». Es war noch die deutlichste Aussage, die zu hören war.

«Die Personalentscheidungen haben bisher gepasst», sagte Löw, der sich bisher mit jeder Wahl bestätigt sehen durfte: Mario Gomez zählt zu den besten Schützen des Turniers, Lars Bender sicherte mit einem Tor gegen Dänemark den deutschen Gruppensieg. Und Mats Hummels wurde kürzlich als die «einzige Überraschung» des gesamten Turniers bezeichnet. Nicht von irgendjemandem. Es war Zinedine Zidane.



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