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Tagblatt Online, 26. Mai 2012, 22:47 Uhr

Schweiz demütigt den EM-Titelanwärter

5:3-Erfolg des Teams von Coach Hitzfeld gegen Deutschland in Basel

In glänzender Spiellaune: der dreifache Schweizer Torschütze Eren Derdiyok. Zoom

In glänzender Spiellaune: der dreifache Schweizer Torschütze Eren Derdiyok. (Bild: Keystone / Schneider)

Nach 56 Jahren feiert die Schweizer Fussball-Auswahl gegen Deutschland wieder einmal einen Sieg. Eren Derdiyok avancierte beim 5:3 in Basel mit drei Toren zum Matchwinner. Der künftige Hoffenheimer deckte die Schwächen der Gäste-Hintermannschaft gnadenlos auf.


Stephan Ramming, Basel

Es lief die 76. Minute und manch einer der 27'300 Zuschauer wollte irgendwie seinen Augen nicht so recht trauen. 5:3 stand da auf der Anzeigetafel im Basler St.-Jakob-Park, fünf Tore für die Schweiz, nur drei für den Gegner, der nicht aus einem kleinen Fussballland in die Schweiz gereist war, sondern da stand geschrieben: Deutschland. Deutschland, das grosse Fussballland, Favorit für das kommende EM-Turnier, an dem die Schweiz nur Zuschauer sein wird.

Lunte gerochen

Es war nur ein Testspiel, die Deutschen waren müde nach einem harten Trainingslager und waren ohne die Spieler von Bayern München angereist. Das relativiert den Erfolg der Schweizer, aber es schmälert ihn nicht. Denn die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld hatte nach etwa zwanzig Minuten die Lunte gerochen, den grossen Nachbarn in dieser Verfassung schlagen zu können und begann frisch, frech, fröhlich und frei Fussball zu spielen.

Das Tor von Admir Mehmedi in besagter 76. Minute zum 5:3 fasste aufs Schönste zusammen, was die Schweizer an diesem Abend auszeichnete – Frische, Kaltschnäuzigkeit, Mut und auch Glück. Vier Spieler machten sich zum Freistoss bereit, Inler spielte einen genauen Pass in den freien Raum, Reto Ziegler erlief den Ball und schoss an der schlafenden Abwehr vorbei an den entfernten Pfosten. Von dort sprang der Ball zum stolpernden Mehmedi, der den Ball irgendwie ins Tor bugsierte. Es war ein Tor, das man normalerweise nicht im richtigen Leben sieht, sondern auf Lehr-Videos für Freistoss-Varianten.

Nahe an der Ängstlichkeit

Die Schweizer hatten das Spiel so begonnen, wie Spiele gegen Deutschland beginnen – respektvoll, unsicher, nahe an der Ängstlichkeit. 1:7 lautete das Cornerverhältnis, als Derdiyok mit einem Kopfball nach 20 Minuten mit ein erstes Zeichen setzen konnte. Das zweite Zeichen jedoch führte bereits zur Führung – der mit seiner Erfahrung glänzend disponierte Barnetta flankte dem Teamkollegen aus Leverkusen in den freien Raum, Derdiyok traf (21.) Zwei Minuten die Kopie der Führung – 2:0.

Erinnerungen an das 2:2 gegen England vor einem Jahr wurden wach, als die Schweizer im Wembley ebenfalls 2:0 geführt hatten – Hummels verkürzte unmittelbar vor der Pause, nachdem die Schweizer das Spiel kontrolliert hatten.

Doch es kam noch besser für die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld, denn Derdiyok traf nach einem Freistoss von Barnetta mit dem Kopf ein drittes Mal (49.). «Ich habe mich befreit gefühlt», sagte der Stürmer, der in seinen bisher 38 Länderspielen erst vier Tore erzielt hatte. Mit der Visitenkarte dieser drei Treffer wird der 23-Jährige mit viel Selbstvertrauen den Neuanfang in Hoffenheim in Angriff nehmen.

Hitzfeld: «Sensationelle Leistung»

Schürrle (64.) und Reus (73.) trafen für Deutschland, Lichtsteiner (67.) trug sich ebenfalls in die Torschützenliste der Schweizer ein. Der Schweizer Coach Ottmar Hitzfeld lobte seine Mannschaft für ihre «sensationelle Leistung» und sprach von einem «dramatischen Spiel, das den Zuschauern gefallen» haben muss. Das war tiefgestapelt, denn es war beste Unterhaltung, die im St.-Jakob-Park geboten worden war. Und Deutschland schlägt man auch nicht alle Tage. Erst recht nicht im Fussball, erst recht nicht die Schweiz.

Schweiz - Deutschland 5:3 (2:1)

St.-Jakob-Park. - 27'381 Zuschauer. - Schiedsrichter: Gautier (Frankreich). - Tore: 21. Derdiyok (Flanke Barnetta) 1:0. 23. Derdiyok (Flanke Barnetta) 2:0. 45. Hummels (Freistoss Özil) 2:1. 50. Derdiyok (Freistoss Barnetta) 3:1. 64. Schürrle 3:2. 67. Lichtsteiner (Inler) 4:2. 72. Reus (Draxler) 4:3. 76. Mehmedi (Ziegler) 5:3.

Schweiz: Benaglio; Lichtsteiner, Senderos, von Bergen, Ziegler; Inler, Fernandes (92. Djourou); Mehmedi, Xhaka (89. Wiss), Barnetta (77. Stocker); Derdiyok.

Deutschland: Ter Stegen; Höwedes (78. Sven Bender), Mertesacker, Hummels, Schmelzer; Khedira, Götze (78. Lars Bender); Schürrle, Özil, Podolski; Klose (78. Cacau).

Bemerkungen: Schweiz ohne Behrami, Dzemaili und Shaqiri (alle verletzt). Deutschland ohne acht Bayern-Spieler. Debüt von Alain Wiss (FC Luzern). 76. Pfostenschuss Ziegler (Mehmedi erbt zum 5:3). 86. Senderos-Tor wegen Foul nicht anerkannt. 88. Lattenkopfball Fernandes. Verwarnungen: 65. Inler (Foul), 75. Hummels (Foul). Cornerverhältnis: 3:10.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
deich (27. Mai 2012, 09:30)
Genugtuung

Die Mannschaft unseres nördlichen Nachbars hatte keine Lust entwickelt, echten, schnellen Fussball zu spielen, wie man ihn von Löw's Kickers kennt. Es muss jedem "Experten" aufgefallen sein. Die Truppe wirkte arg müde und unmotiviert. Dadurch konnten die Schweizer Schönspieler für einmal brillieren, hatten den notwendigen Raum. So einfach können in einem Sport, der in der Regel für wenige Tore zuständig ist, Tore fallen. Das Spiel ist von beiden Seiten mit unterschiedlicher Projektion nicht über zu bewerten und hat in der Rechnung nur statistischen Wert. Das kann (immerhin!) national eine Genugtuung sein. Mehr aber auch nicht.

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