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Tagblatt Online, 18. Juni 2012, 08:30 Uhr

Personifizierte Phantasie

Die Squadra Azzurra zeigt sich in Polen in neuem Gewand. Sinnbild dafür ist der Regisseur Pirlo, der mit Pässen und Toren und nicht mit absurden Medienkonferenzen und Wetteinsätzen Aufsehen erregt.


Peter B. Birrer, Poznan

Am liebsten möchte der Maestro durch das Medium Ball reden. Aber das geht jetzt nicht. Andrea Pirlo sitzt auf dem Podium vor den Medien. Er hat einen Kaugummi im Mund und setzt seinen gelangweilten Schlafzimmerblick auf. Flankiert wird Pirlo von Cesare Prandelli, dem Commissario tecnico. Zuvor hat der kroatische Trainer und Provokateur Slaven Bilic gleichenorts behauptet, dass sein feingliedriger, kleiner Regisseur Luca Modric besser sei als Pirlo. Eine Majestätsbeleidigung.

Die Euro ist die Zeit der Gegenüberstellungen. Jetzt will einer von Pirlo wissen, was er von der Bilic-Aussage halte. Pirlo zögert, beginnt leise zu sprechen, flüstert fast, sagt irgendetwas Nichtssagendes. Den Konter lanciert sogleich Prandelli. «Modric ist zweifellos ein guter Fussballer, das wissen wir alle, aber er sollte einmal damit beginnen, Titel zu gewinnen.»

Prandelli stellt sich wie ein Rechtsanwalt vor seinen Säulenheiligen, vor Andrea Pirlo, der in Polen wahrscheinlich zum letzten Mal das Zentrum und die personifizierte Phantasie der Squadra Azzurra darstellt. Nicht mit Worten, nicht mit Tattoos, nicht mit abartigen Medienkonferenzen wie sein Mitspieler Antonio Cassano, nicht mit Wetteinsätzen wie der Goalie Gianluigi Buffon, nicht mit Extravaganz und Verrücktheiten à la Francesco Totti, sondern mit Bewegungen, Richtungsänderungen, Pässen, Freistössen, Einfällen – mit dem Ball, den er so gerne mag.

Ohne die Stimme zu erheben

Marco Tardelli, der italienische Weltmeister von 1982, reduziert die Wiedergeburt der Squadra auf Pirlo. Er sagt: «Pirlo führt, ohne seine Stimme zu erheben. So sind die wahren Champions.» Tardelli muss es wissen. Er war der Trainer, als der junge Pirlo 2000 in der Slowakei mit der U 21 seinen ersten grösseren Titel gewann und Europameister wurde. Schon damals dabei war Gennaro Gattuso, der Anti-Pirlo, der dem Maestro später ein Jahrzehnt lang in der AC Milan den Rücken freihalten sollte.

Der italienische Fussball pflegt schöne Geschichten zu schreiben, die melodramatisch ausgewalzt und endlos repetiert werden. Eine ist diejenige, dass Inter Mailand am Anfang des Jahrhunderts den Genius Pirlo als zu leicht befand und zum Stadtrivalen AC Milan abschob. «Das war einer der grössten Fehler», hadert der Inter-Chef Massimo Moratti heute noch. Im Pirlo-Jahrzehnt gewann die AC Milan zweimal den Landestitel und vor allem zweimal die Champions League.

Das fast ergreifendste Kapitel ist indessen das neuste. 2011 wurde Pirlo von der AC Milan abgeschoben – zu alt, zu langsam, Ersatz. Pirlo ging zu Juventus Turin, blieb in der Serie A ungeschlagen und wurde Meister. Jetzt gehört er zur Juventus-Fraktion, die dem Nationalteam ein neues Antlitz gibt. Wehe, man lästert über die Italiener. Schön, reizvoll und bezaubernd wollen sie sein, wie die Spanier – nicht mehr berechnend wie im Catenaccio-Zeitalter.

Der Pass zu Grosso

Das Meisterwerk Pirlos war der WM-Titel 2006, der ihn in die Galerie mit Rivera, Riva, Mazzola, Baggio und Del Piero stellt. Es gab eine Szene im Halbfinal gegen Deutschland, die alles über den Fussballer Pirlo sagt. Letzte Minute der Verlängerung. Pirlo hat am Strafraum den Ball, läuft an demselben entlang, wartet, läuft weiter und spielt in aufrechter Körperhaltung ohne Vorankündigung und mit plötzlicher Richtungsänderung den Pass zu Grosso, der den 1:0-Siegtreffer erzielt.

Mit Ausnahme von 2006 ist die Beziehung zwischen Pirlo und Endrunden durchzogen. An der Euro 2004 begann er auf der Ersatzbank und im Schatten Del Pieros, Tottis und Vieris. 2008 fehlte er im verlorenen Viertelfinal gegen Spanien wegen einer Sperre. Vor der WM 2010 erlitt er eine Wadenzerrung. Er wurde angeschlagen eingewechselt, als Italien gegen die Slowakei um Sein oder Nichtsein spielte – vergeblich, 2:3, Aus. Wenn Pirlo nicht im Strumpf ist, ist Italien nicht im Strumpf.

2012 ist wieder hohe Pirlo-Zeit. Gegen Spanien (1:1) passt er auf Di Natale – Tor. Gegen Kroatien bringt er den ungefähr 1000. Freistoss im Tor unter. Er ist auch mit 33 Jahren eine Augenweide. Besonders schnell war Pirlo nie, aber besonders intelligent. Seine Gabe ist, dass seine Körperhaltung nie andeutet, was als Nächstes passieren wird. Und er scheint nicht nur vorne, sondern auch links und rechts und hinten Augen zu haben. Wie der Spanier Xavi, «der mehr den Kurzpass spielt und weniger Fehler macht, aber dafür auch weniger Risiko nimmt als Pirlo», wie der frühere Inter- und Barça-Stürmer Luis Sánchez sagt.

Wieder die Gegenüberstellung. Aber was kann einem Besseres passieren, als mit Xavi verglichen zu werden?



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