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Tagblatt Online, 18. Juli 2012, 08:27 Uhr

Grünes Licht für die Eingreiftruppe

Das Wort «Reform» war das Wort, das sich Joseph Blatter gross auf die Fahne geschrieben hatte. Zoom

Das Wort «Reform» war das Wort, das sich Joseph Blatter gross auf die Fahne geschrieben hatte. (Bild: Keystone / Della Bella)

Der Fifa-Präsident Joseph Blatter spricht von einem wichtigen Schritt auf dem Reformkurs. Die Ethikkommission könnte ihm gefährlich werden.


Stephan Ramming, Zürich

Theo Zwanziger, Fifa-Exekutivmitglied aus Deutschland, verkündete die Botschaft schon vor der offiziellen Pressekonferenz: Das neue Ethikreglement der Fifa ist von den 24 Mitgliedern des Exekutivkomitees verabschiedet worden. Der ehemalige Präsident des Deutschen Fussballbundes (DFB), dessen Nachfolger Wolfgang Niersbach noch am Sonntag den Rücktritt von Fifa-Präsident Joseph Blatter gefordert hatte, sprach von einem «wichtigen Schritt im Reformprozess».

Zwanzigers Vorpreschen hatte durchaus seine Bedeutung. Nicht nur, weil insbesondere deutsche Medien nach dem Bekanntwerden des Urteils des Schweizer Bundesgerichtes vor einigen Tagen einmal mehr sehr laut gefordert hatten, Blatter müsse zurücktreten. Grund dafür war, dass Blatter mögliche Schiebereien bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland angetönt hatte, als er unter Druck geraten war, weil das Gericht in Lausanne feststellte, dass die Namen der Personen, die in die Schmiergeld- und Bestechungsaffäre um den Zuger Sportvermarkter ISL verwickelt waren, nun doch veröffentlicht werden müssten. Im Zuge des Richterspruchs gab Blatter zu, von den Zahlungen gewusst, erklärte aber, sie nicht als illegal erachtet zu haben.

Blatter befürchtet nichts

So war Zwanzigers Auftritt durchaus auch ein Hinweis an seine Landsleute, dass er hinter Blatter, hinter dem Reformprozess und hinter den Beschlüssen des Exekutivkomitees steht. Zwanziger war massgeblich beteiligt an der Ausarbeitung der nun verabschiedeten Struktur, die der Basler Strafrechtsprofessor und Antikorruptionsexperte Mark Pieth im Auftrag der Fifa erarbeitet hatte. Ob Blatter denn noch tragbar sei als Präsident, wurde Zwanziger vor dem Eingang zum Fifa-Sitz auf dem Zürichberg mehrfach aus dem Ring der Journalistenschar gefragt. Seine Antwort: «Ohne Blatter gibt es keine Reform.»

Das Wort «Reform» war denn auch das Wort, das sich Blatter gross auf die Fahne geschrieben hatte, die der Präsident an der offiziellen Medienkonferenz danach vor den Journalisten schwenkte. Dazu war sein oft gehörter Satz aus dem Arsenal der präsidialen Textbausteine zu hören: «Der Präsident ist ein glücklicher Präsident.» Was Blatter inhaltlich verkündete, entsprach im Kern dem, was die Agenda vorgegeben hatte: Die Fifa führt nun definitiv eine Ethikkommission ein, deren Struktur Professor Pieth vorgegeben hat.

Die Kommission besteht aus zwei Kammern. Die eine hat die Aufgabe – auch auf eigene Initiative –, verdächtige Vorkommnisse zu untersuchen und der zweiten Kammer zur richterlichen Beurteilung vorzulegen. Als Präsidenten der richterlichen Kommission wählte das Exekutivkomitee Hans-Joachim Eckert, einen ehemaligen Münchner Richter; zum Vorsitzenden der untersuchenden Kommission wurde der US-Amerikaner Michael J. Garcia bestimmt. Die Massgaben, auf die sich künftig die Fifa-Funktionäre behaften lassen müssen, sind in einem Ethikregelwerk festgeschrieben. Der Text wird am 25. Juli veröffentlicht, wenn die Kommissionen ihre Arbeit aufnehmen.

Was dies in Zukunft konkret bedeuten wird, ist schwer abzuschätzen. «Ethische Prinzipien» sind offene Regeln, die sich anders als Gesetze dehnen lassen wie elastische Gummibänder. Was die neue Struktur hingegen für die Vergangenheit bedeuten könnte, lässt sich besser voraussagen. So gab Blatter bekannt, dass grundsätzlich keine früheren Ereignisse der Verjährung anheimgestellt werden. Auch der gerichtlich abgeschlossene Fall um die ISL kann die Kommission nochmals aufrollen, das 41-seitige Dossier wird laut Blatter Garcia übergeben.

Das könnte für den Präsidenten ungemütlich werden. Im Raum steht die Frage, wie viel Blatter von den Schmiergeldzahlungen von mindesten 142 Millionen Franken gewusst hatte. Lange hatte Blatter in diesem Zusammenhang von geschäftsüblichen Provisionen gesprochen, die erst aus heutiger Sicht als Korruption definiert würden. Auf die Frage, ob er in diesem Zusammenhang etwas zu befürchten habe, sagte Blatter: «Ich habe nichts zu befürchten, ich bin auf alles vorbereitet.»

Offene Fälle

Die Vergangenheit bietet indes noch mehr Stoff für Investigationen. So soll bei den Vergaben der Weltmeisterschaften nach Russland 2018 und Katar 2022 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein, zudem hatte Blatter in Richtung des WM-Veranstalters Deutschland ebenfalls Bemerkungen fallenlassen, dass nicht alles sauber verlaufen sei. Klar ist jedenfalls, dass Blatter künftig nicht mehr Geschichten wie jene aus dem Jahr 1981 freimütig erzählen wird: Damals wurde ihm noch als Generalsekretär ein Bündel Noten zugesteckt, er gab es einfach zurück. Das geht künftig nicht mehr. Nun würde die neue Eingreiftruppe aktiv.



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