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Tagblatt Online, 10. Juli 2012, 08:29 Uhr

Geschichten um Armstrong

Weitere Ex-Teamkollegen sollen gegen den Rekordsieger der Tour ausgesagt haben

Lance Armstrong im Februar vor dem Start des Triathlon in Panama City. Zoom

Lance Armstrong im Februar vor dem Start des Triathlon in Panama City. (Bild: Keystone / Franco)

Laut einer niederländischen Zeitung haben George Hincapie, Levi Leipheimer, Christian Vande Velde und David Zabriskie gegen Lance Armstrong ausgesagt. Die vier Profis sollen auch selber gedopt haben.


Elmar Wagner, Saint-Quentin

Am Donnerstag berichtete die niederländische Zeitung «De Telegraaf» Brisantes. Fünf ehemalige Teamkollegen hätten nicht nur gegen Lance Armstrong ausgesagt, sondern auch selber den Konsum von Dopingmitteln gestanden – und seien im Gegenzug von der amerikanischen Antidopingbehörde Usada als Kronzeugen nur mit einer kurzen Sperre bestraft worden.

Starke Indizien

Es soll sich dabei um George Hincapie, Levi Leipheimer, David Zabriskie, Christian Vande Velde und Jonathan Vaughters handeln. Allesamt sind sie an der Tour de France aktiv, Vaughters als Chef des Garmin-Teams – die vier anderen als Profis. Sie sollen mit der Usada ausgehandelt haben, dass ihre Sperre anstelle zweier Jahre nur sechs Monate betrage und erst Ende September beginne. Für die Profis würde das faktisch Straffreiheit bedeuten, über den Winter lässt sich eine Sperre schliesslich leicht absitzen. Und Hincapie, der Rekordteilnehmer an der Tour, tritt per Ende Saison ohnehin zurück. Die Sperre wäre daher einzig im Fall des Garmin-Teamchefs Vaughters von Belang, auch aus Imagegründen; Vaughters hat sein Team, das anfänglich noch Slipstream hiess, explizit mit einer Nulltoleranz-Maxime aufgebaut – und seine Fahrer stets ermuntert, mit allfälligen Dopingermittlern zu kooperieren.

Der Wahrheitsgehalt der Auslegeordnung der niederländischen Zeitung ist nicht gesichert, da sie keine Quellen nennt. Doch es gibt einige Indizien, welche die faktische Korrektheit ihrer Information annehmen lässt. Da ist zunächst einmal das Verhalten der ans Licht gezerrten Fahrer: Keiner von ihnen dementierte am Start in Rouen die Enthüllungen. Hincapie sagte vor Kameras, dass er sich auf die Tour und seine Arbeit für den Titelverteidiger Cadel Evans konzentriere. Ausserdem brach er eine Lanze für seinen früheren Teamkollegen Armstrong: «Es tut mir leid, dass er all das über sich ergehen lassen muss. Schliesslich hat er viel für den Radsport getan.»

Auch Leipheimer und Zabriskie bedienten sich der bequemen Formel, wonach sie sich einzig auf die Tour konzentrieren. Sie gaben keinen weiteren Kommentar ab. Ein (partielles) Dementi verbreitete einzig der Teammanager Vaughters, und zwar via Twitter: Weder er noch seine beiden Fahrer Zabriskie und Vande Velde hätten eine Sperre zu gewärtigen.

Nun, und das ist das zweite Indiz, erscheint eine Meldung von USA Cycling von Mitte Juni in anderem Licht. Der nationale Radverband teilte damals mit, dass Zabriskie, Vande Velde, Leipheimer und Hincapie auf eine Olympiaselektion verzichten. Das war umso erstaunlicher, als sich früher im Jahr alle vier Fahrer sehr an einer Olympiaqualifikation interessiert gezeigt hatten. Für Hincapie etwa hätte London die sechste Olympiateilnahme bedeutet.

Zeitliche Koinzidenz

Eine Begründung für den Verzicht lieferten weder der Verband noch die fraglichen Profis. Doch er wurde interessanterweise nur drei Tage nach einem wichtigen Schritt der Usada publik: Die Antidopingbehörde erhob Anklage wegen Dopings – und zwar gegen Lance Armstrong, seinen ehemaligen Teamchef Johan Bruyneel sowie damalige Teamärzte. In einem 15-seitigen Papier listete die Usada die Anklagepunkte auf und hielt fest, dass sie sich auf die Aussagen von mindestens zehn Personen stützen könne. Deren Identität war bisher nicht bekannt.

Die Angelegenheit touchiert nun jedenfalls auch eine Tour de France, die bezüglich Dopingenthüllungen bisher ruhig verlief. Geschichten rund um Armstrong schlagen vor allem in Frankreich immer hohe Wellen. Das hat mit der angespannten Beziehung der französischen Organisatoren zu ihm zu tun; die fehlende Demut Armstrongs gegenüber der Tour wurde aber auch vom breiten Publikum nicht goutiert.

Als Kontrast dazu mag der Umgang mit dem Team Europcar in Frankreich dienen. Zum Anfang der Tour wurde bekannt, dass das Team an der Austragung 2011 illegale Praktiken angewandt haben soll. Das könnte im Nachhinein die überraschenden Leistungen seiner Fahrer Thomas Voeckler und Pierre Rolland erklären. Doch diese Geschichte wurde klein gehalten und verschwand schnell von der Bildfläche.



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