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Tagblatt Online, 30. Mai 2012, 00:00 Uhr

Der verlängerte Arm in der «Operation Umbruch»

Gökhan Inler wächst in der Rolle als Captain im Fussballnationalteam – vor allem nach innen

Gökhan Inler (l.) und Granit Xhaka Zoom

Gökhan Inler (l.) und Granit Xhaka (Bild: Keystone / Schneider)

Die Saison der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft endet am Mittwochabend in Luzern mit der Testpartie gegen Rumänien. Das Team Ottmar Hitzfelds, vergangenes Wochenende gegen die deutsche Auswahl siegreich, will ein gutes Ende.


Stephan Ramming, Luzern

Als Ottmar Hitzfeld nach dem Rücktritt von Alex Frei und Marco Streller Ende März 2011 die «Operation Umbruch» in Angriff nahm, berief der Nationaltrainer Gökhan Inler zum neuen Captain. Bis dahin hatte Inler Frei vertreten, nun fiel dem damals 26-jährigen Udinese-Profi die Aufgabe zu, den geplanten Generationswechsel auf und vor allem neben dem Platz zu sekundieren. Die Frage lautete: Ist Inler dazu fähig?

Gegen den Oltner mit türkischen Wurzeln sprach der Eindruck, dass ihm der grosse Auftritt vor den Medien nicht zu behagen und rhetorische Geschliffenheit zu fehlen schien; zudem ist Inler nach aussen sanften Gemütes und von ausgesuchter Freundlichkeit – kann so einer auch einmal auf den Tisch hauen? Andererseits sprachen für Inler als Captain die Vermutungen, dass er zu den Jüngeren einen guten Draht hat und von den Gleichaltrigen akzeptiert wird – unter der Voraussetzung, dass er die Chef-Rolle im Mittelfeld ausfüllt.

Letztgenanntes ist Inler in den vergangenen dreizehn Monaten nicht immer gelungen; zuweilen liess er sich mittreiben, wenn die Schweizer eine Schwächephase zu erdulden hatten. «Wir müssen uns als Mannschaft weiter verbessern – aber die Richtung der Entwicklung stimmt», sagt Inler. Solcherlei lässt sich leicht sagen nach dem 5:3 gegen Deutschland. Inler besteht aber darauf, dass sich seine Zuversicht nicht nur aus dem Moment nährt, sondern auch aus seinen Eindrücken von den Testspielen gegen Argentinien oder Holland.

Der Grund für die plötzliche Angriffsfreude gegen Deutschland ist für Inler einfach: «Der Schlüssel ist die Freude»; sei die Mannschaft «mit Freude bei der Sache», wachse auch «die Bereitschaft zum Risiko». Die Vorstellung des dreifachen Torschützen Eren Derdiyok war beispielhafter Beleg, dass diese simple Gleichung aufgehen kann.

Spricht Inler über Derdiyok, bekommt man eine Ahnung, wie der Captain seinen Draht zu den Jüngeren zu nutzen versucht. «Grundsätzlich will ich ihnen Druck wegnehmen, damit sie befreit aufspielen können», sagt Inler. «Auf Eren muss ich aber besonders achtgeben, er braucht viele Gespräche, Zuwendung und Vertrauen.» Derdiyok sei «genau der Stürmer, den wir brauchen», aber er habe «im Klub und im Nationalteam schwierige Zeiten durchgemacht», man müsse ihn «gut führen». Man spürt, dass Inler über feine Antennen für die Stimmungslagen in der Mannschaft besitzt und darauf zu reagieren weiss. So gesehen scheint für Hitzfeld der Entscheid, auf Kosten der Aussendarstellung Inler zum verlängerten Arm der «Operation Umbruch» gemacht zu haben, nach dreizehn Monaten Rendite abzuwerfen.

Auch hat sich Inler sportlich in der vergangenen Saison weiterentwickelt. Gegen Deutschland war er präsent wie selten zuvor und organisierte mit breiter Brust das Spiel. Zudem setzte er mit dem feinen Heber auf Lichtsteiner oder beim Freistoss vor dem 5:3 auch in der Offensive Akzente. «Ich habe in Napoli dazugelernt», sagt Inler. In der ersten Saison nach dem Wechsel vom beschaulichen Udine in die Grossstadt im Süden gewann er den Cup und überstand die Gruppenspiele in der Champions League. Gegen Rumänien wird er die 55. und letzte Partie in dieser Spielzeit absolvieren, europaweit ein Spitzenwert. «Müde? Ich bin zu hundertfünfzig Prozent fit», sagt Inler, «ich will mit einem guten Ende in die Ferien reisen.» So spricht einer, der vorangehen will.



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