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Tagblatt Online, 8. August 2012, 22:07 Uhr

Der die Pferde liebt

Steve Guerdat küsst seine Goldmedaille. Zoom

Steve Guerdat küsst seine Goldmedaille. (Bild: Keystone / AP)

Als Schlussreiter könnte Nick Skelton ein Stechen erzwingen, sein Big Star aber schlägt eine Stange zu Boden. Damit bleibt einzig Steve Guerdat auf Nino des Buissonnets ohne Abwurf und gewinnt Gold. Als erster Schweizer Springreiter seit 1924.


Peter Jegen

Wenn plötzlich erreicht ist, was man so sehr angestrebt hat, dann muss es einem den Hals zuschnüren. Abseits sitzt Steve Guerdat auf einem Zaun, weit weg von dem, was ihn nun erwartet. Still und in sich gekehrt. Nur Vater Philippe steht neben ihm, die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben. Dann kommt die amerikanische Springreiterin Laura Kraut dazu und sagt: «Wenn einer es verdient, Olympiasieger zu werden, dann bist es du.» Ja, Steve Guerdat, der 30-jährige Schweizer aus Bassecourt im Jura, der seit 2007 in Herrliberg bei Zürich wohnt, ist Olympiasieger. Ein richtiger Champion, wie selbst Laura Kraut sagt, und sie ist die Freundin des geschlagenen britischen Favoriten Nick Skelton.

Nur an die Medaille gedacht

Dass er das Zeug zum Champion hat, weiss Steve Guerdat freilich selber. Sein Hals bleibt deshalb nicht allzu lange zugeschnürt. «Heute habe ich an nichts anderes als einen Medaillengewinn gedacht», sagt er später zu den Journalisten und fügt trocken hinzu: «Als ich mit Nino des Buissonnets im April Zweiter des Weltcup-Finals geworden bin, da wusste ich: Wenn ich keine Fehler mache, werde ich Olympiasieger.» So ist Steve Guerdat: fokussiert, zielstrebig, gradlinig, ehrgeizig, unmissverständlich.

In der Deutschschweizer Fachpresse kommt das nicht immer gut an. Schwierig sei der Mann, unnahbar, arrogant. In der Romandie tönt das naturgemäss anders. Steve sei ein Künstler im Sattel, ein riesiges Talent, ein Reiter, der den Sport lebe wie kein anderer. Ob die Wahrheit wie immer in der Mitte liegt?

Sagen wir es so: Steve Guerdat ist schlicht und einfach ein starker, fokussierter Berufssportler. Da kommt es schon vor, dass er einen Journalisten für eine Reportage über den Transport von Springpferden weit nach Mitternacht in seinem Stall aufbietet. Denn genau zu dieser Uhrzeit kehrt er mit den einen Pferden von einem Turnier nach Hause zurück – um andere Tiere sofort wieder für die Abreise an den nächsten Concours bereitzumachen.

«Die Pferde sind mein Leben, ich liebe grosse Turniere, ich liebe es aber auch, mit jungen Pferden zu arbeiten», sagt Guerdat auf die Frage, was ihm die Goldmedaille bedeute. Und erst dann fügt er an: «Das Gold ist Ausdruck dieser Liebe.»

Diese Liebe wurde ihm in die Wiege gelegt. Der Grossvater war Pferdehändler, Vater führte zu Hause einen Reitstall, war selber Springreiter, er gehörte an den Spielen 1984 und 1988 zur Equipe. Hätte Philippe Guerdat Pferde wie Nino des Buissonnets reiten können, wäre wohl auch er ein ganz Grosser geworden. Jetzt ist Philippe immerhin Chef der Equipe Belgiens und beobachtet den Junior nur aus Distanz – ausser er wird gerade Olympiasieger. «Mein Vater ist meine wichtigste Bezugsperson», sagt Steve, «doch ich habe ein grosses Team, dem ich danke.»

Dazu zählt die Finnin Heidi Mulari, Pflegerin von Nino des Buissonnets; dazu zählt der Bietenholzer Thomas Fuchs, Vater der Nachwuchshoffnung Martin Fuchs und Bruder von Team-Coach Markus Fuchs; dazu zählen die Sponsoren Yves Piaget und Urs E. Schwarzenbach. Zum Zürcher Financier sah Guerdat im Greenwich Park dankend in die Zuschauerränge empor, hat er doch finanziell den Weg zur Goldmedaille geebnet. Ende 2010 unterschrieb Schwarzenbach den Check, als Guerdat im Stall des Deutschen Manfred Marschall den damals neunjährigen Nino des Buissonnets entdeckt hatte. Ein Pferd, das schwierig zu reiten ist, ein Tier wie zwischen Genie und Wahnsinn. Das hat Guerdat von Beginn an fasziniert, und als er nach wochenlanger Arbeit endlich eine tiefe Beziehung zu «Nino» fand und auch das Pferd ihm vertraute, war sich Guerdat sicher.

«It's fantastic!», schrie der frühere Polo-Spieler Schwarzenbach gestern in London auf der Tribüne ins Telefon. Er sah sich in der Strategie bestätigt, seinen Stall im Herrliberger Rütihof zur Basis für Spitzensport zu machen. Dafür hat er Guerdat 2007 die Tür geöffnet, als dieser noch kein ganz grosser Champion war und in Kerzers bloss eine temporäre Bleibe hatte. Damals war die Zukunft eher düster, gar nicht goldig.

Ein unverschämtes Angebot

Steve Guerdat ist ein Reiter der neuen Generation, einer, der nicht erst Pferdehändler oder Landwirt war, sondern als Profi im Sattel gross wurde. Deshalb war er früh von Bassecourt nach Kerzers und von dort hinaus in die Welt gezogen. Nachdem er 2002 an den EM der Jungen Reiter Dritter geworden war, erhielt er ein Angebot von Jan Tops, um für diesen einflussreichen niederländischen Pferdehändler zu reiten. «Das ist der Traum jedes Springreiters», sagte Guerdat damals – und der Anfang einer steilen Karriere: EM-Dritter 2003, Olympia-Fünfter 2004, EM-Zweiter 2005 – vorerst immer im Team.

Anfang 2006 kam es aber zur Trennung. Die Spitzenpferde, auf denen der Romand sein beeindruckendes Talent ausgespielt hatte, wurden plötzlich von anderen geritten – da machte der ukrainische Oligarch Alexander Onischenko Guerdat eine unverschämte Offerte: Onischenko wollte mit Steve einen Vertrag bis zu den Londoner Spielen abschliessen und die gesamte Lohnsumme im Voraus auszahlen – falls der Romand dafür Ukrainer würde. Guerdat lehnte ab, er hatte kein gutes Bauchgefühl und vertraute seiner inneren Stimme. Seine Liebe zu den Pferden wollte er lieber weiterhin als Schweizer ausleben.



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