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Tagblatt Online, 17. Juli 2012, 09:31 Uhr

Blatter unterstellt Absprachen im deutschen Interesse

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Fifa-Chef Joseph Blatter. (Bild: Imago)

Zwei Tage vor der Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees zu den Reformen im Fussball-Weltverband raunt Präsident Joseph Blatter von Absprachen bei der Vergabe der Fussball-WM 2006 an Deutschland.


Perikles Monioudis

Am vergangenen Mittwoch hat die Veröffentlichung der Zuger Gerichtsdokumente zum Konkurs des Fifa-Vermarktungspartners ISL zutage gefördert, dass der frühere Fifa-Boss João Havelange und dessen einstiger Schwiegersohn und frühere brasilianische Verbandschef Ricardo Teixeira im Jahr 2001 Schmiergelder in der Höhe von insgesamt 22 Millionen kassiert haben.

Der Fifa-Präsident Joseph Blatter gab schnell zu, von diesen Vorgängen Kenntnis besessen zu haben. Er sieht in seinem langjährigen Schweigen allerdings keine Verfehlung, denn damals seien solche Zahlungen seiner Auslegung nach im Unterschied zur Gegenwart («heute wäre dies strafbar») nicht justiziabel gewesen.

DFB und Liga entrüstet

Für den Deutschen Fussball-Bund (DFB) und die deutsche Fussball-Liga ist diese Aussage nicht akzeptabel. Der Liga-Präsident Reinhard Rauball forderte Blatter in der Folge telefonisch zum Rücktritt auf, wie der Walliser selbst sagte.

Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach reagierte fast so harsch wie Rauball: «Die Reaktion des Fifa-Präsidenten hat mich geschockt. Wenn nicht unbedeutende Persönlichkeiten der Fifa Geld kassiert haben und die Reaktion darauf ist, dass das damals nicht verboten war, dann können wir uns als DFB davon nur klar distanzieren.» Von einer Rücktrittsaufforderung sah Niersbach ab: «Das muss er selbst entscheiden.»

In einem Interview mit dem «Sonntags-Blick» konterte Blatter die Attacken aus Deutschland. Er erinnere sich «an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verliess. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte», sagte Blatter und fügte hinzu: «Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv.»

Auf die Anschlussfrage, ob die Vergabe der WM 2006 in Deutschland gekauft gewesen sei, gab Blatter zur Antwort: «Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest.»

Die Feststellung taugte dazu, die deutschen Fussball-Funktionäre erneut auf den Plan zu rufen. So auch Fedor Radmann, den einstigen Vizepräsidenten des Organisationskomitees für die Fussball-WM 2006. «Blatters Angaben sind falsch», sagte Radmann dem Berliner «Tagesspiegel». «Wir haben die Abstimmung 12:11 gewonnen und nicht 10:9, und durch die Enthaltung von Charles Dempsey haben wir seine Stimme verloren und nicht gewonnen. Dempsey hatte dem DFB zugesichert, zuerst für England zu stimmen und nach einem Ausscheiden Englands für Deutschland.»

Franz Beckenbauer liess sich in der «Bild»-Zeitung mit den Worten zitieren: «Ich kann die Äusserungen und Andeutungen von Sepp Blatter nicht nachvollziehen. Er irrt ja schon beim Ergebnis. Es war 12:11 für uns, nicht 10:9. Entscheidend war, dass die acht Europäer geschlossen für uns gestimmt haben.»

Die «Süddeutsche Zeitung» allerdings zeigt sich nicht sonderlich überrascht von Blatters Raunen und legt das Augenmerk auf die Modalitäten der Vergabe: «Tatsächlich gab es damals erstaunliche Sport- und Wirtschaftsdeals in und mit Ländern, deren Stimmen für den deutschen Abstimmungserfolg wichtig waren. Unbestreitbar ist aber auch, dass die Fifa mit ihren fahrlässig laxen Bewerbungsregeln bei WM-Vergaben der Korruption erst den Nährboden bereitet hat.»

Entscheidung über Reformen

Am Dienstag wird das Exekutivkomitee der Fifa über ein neues Ethik-Reglement und über eine neue Verbandsjustiz befinden. Der Vorsitzende des Independent Governance Committee (IGC), Mark Pieth, hat der Fifa ein Zwei-Kammer-System mit einer untersuchenden und einer richterlichen Instanz sowie eine Liste von geeigneten Kandidaten dafür vorgeschlagen. Das soll die Transparenz in der Fifa fördern.

Ob die Reformvorschläge vom Exekutivkomitee angenommen und dann tatsächlich auch umgesetzt werden und ob dannzumal auch die Vorgänge vor und bei der Vergabe der WM 2006 untersucht werden, wird sich zeigen. Seinen heute 96-jährigen Ziehvater João Havelange will Blatter bis dahin aber abgeschüttelt haben: «Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen. Ich werde beantragen, dass das Thema beim nächsten Kongress behandelt wird.»



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Leser-Kommentare:
3 Beiträge
unangan (16. Juli 2012, 17:56)
"Vergabe der Fussball-WM 2006 an Deutschland."

wiederholt sich die Geschichte ?
Bei europäischer Krise... Vergabe der Fussball-WM in Krisenzeiten: Deutschland wird es richten.... Und um meine Meinung zu platzieren... schreibe ich nicht:..H.H..
Doch weit davon ist dieser Artikel nicht...Leider....!!!....
Blatter sollte schon seit geraumer Zeit abtreten....!!!..
Und wer ist sein Nachfolger... ???..
Mir graust vor solcher "Fussballmacht"..!!..

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highway311 (17. Juli 2012, 04:49)
Sein Nachfolger???

Blatters Nachfolger wird ein Deutscher sein, darum auch die langjährigen Angriffe der Deutschen Fussballopas.

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werinheri (16. Juli 2012, 20:28)
Blatter hat recht!

Das zeigt die deutsche Reaktion. Und vor allem, es war nicht das erste Mal.

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