www.appenzellerzeitung.ch – Im Bodensee auf Leichensuche
Ostschweiz: 23. Januar 2010, 08:31

Im Bodensee auf Leichensuche

Historischer Tauchgang: Taucher mit Helm und Anzug im 19. Jahrhundert auf dem Bodensee. Bild: ky/Süddeutsche Zeitung
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OSTSCHWEIZ. Tiefseeforscher Jacques Piccard kam nur wenige Male an den Bodensee; spektakulär war sein Tauchgang 1979 für einen Mordprozess. Unseren See erforscht haben andere – wie Professor Martin Wessels und U-Boot-Besitzer Karl Hartmann.

«Von oben bis unten schmutzig», soll Jacques Piccard über den Bodensee gesagt haben. Im Marianengraben und im Genfersee hat es dem weltberühmten Schweizer Tiefseeforscher, dessen Tiefenrekord sich heute jährt, offensichtlich besser gefallen.

Das Zitat stammt vom März 1979 – damals suchte Professor Piccard im Auftrag der Ulmer Anklagebehörde zehn Tage lang nach einer Leiche, «eine in der Kriminalgeschichte wohl einzigartige Aktion», wie der Oberstaatsanwalt im «Spiegel» meinte.

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«Wie bei Nebel über der Sahara»

Für 85 000 Mark Honorar hatten die Ulmer Piccard mit seinem Mini-U-Boot «F. A. Forel» sowie zwei Mann Besatzung angeheuert. Verzweifelt gesucht wurde die Leiche von Doris Blass, der Frau des Ulmer Ingenieurs Werner Blass. Sie wurde seit einem dubiosen Segelyacht-Untergang am 29. August 1976 vor Romanshorn vermisst; den Gatten und Skipper konnten Segler retten, und seine «Calypso» wurde 1978 geborgen.

Doch die Gattin, die sich angeblich scheiden lassen wollte und befürchtet hatte, «einmal von einer Segeltour nicht zurückzukehren» – sie blieb verschwunden.

Auch Piccard fand sie nicht. Obwohl er bei einem Tempo von 25 Zentimetern in der Sekunde 100 000 Quadratmeter Boden rings um die Untergangsstelle abgesucht hatte. Er schloss laut «Spiegel» aber nicht aus, dass ein Körper unauffindbar in die Sedimentschicht über dem Seegrund einsinken könne.

Ein Staatsanwalt, der mit Piccard mitgefahren war, schilderte die Sichtverhältnisse: «Wie wenn man bei Nacht und dichtem Nebel über dem Boden der Sahara dahinschwebt.»

Nur noch ein Luxuskreuzer

Piccard und der Bodensee – viel mehr als die erfolglose Leichensuche findet sich da nicht an Verbindungen.

Und unsere Umfrage unter Unterwasser-Archäologen und Seeforschern ergibt bedauerliches Schulterzucken: «Keine Ahnung.» Von Piccard in unseren Gewässern habe er keine Kenntnis, sagt etwa der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem. «Eigentlich schade», sagt er und scherzt: «Vielleicht hatte er etwas gegen Appenzeller Volksmusik.»

Dabei hatten sich – wie Brem als Bub – auch viele Menschen aus der Bodenseeregion für Piccards «Mésoscaphe» 1964 an der Expo in Lausanne begeistert. Mit dem touristischen U-Boot konnten 33 000 Leute 25 Minuten bis gegen 100 Meter in den Genfersee hinabtauchen. Davon konnte man am Bodensee nur träumen, und die «Mésoscaphe» reiste nach der Expo durch die Weltmeere und blieb schliesslich in den USA. Heute ist ihr Rumpf im Verkehrshaus in Luzern zu bestaunen.

Wenn nicht in den Archiven der Seeforschung, so bleibt «Jacques Piccard» immerhin auf der Oberfläche des Bodensees präsent – als Name eines 1995 eingewasserten luxuriösen «Partykreuzers».

Nachfahren Piccards

Doch Karl Hartmann von der Harder Bootswerft Hartmann, Besitzer des einzigen österreichischen U-Bootes, weiss von einem zweiten Einsatz Piccards: In den 1980er-Jahren kontrollierte er im Auftrag der Behörden die neu verlegte Vorarlberger Gasleitung im Gebiet Lochau/Bregenz.

Ob Piccard die tiefste Stelle des Bodensees – 252 Meter, zwischen Uttwil und Friedrichshafen – erreichte, ist nicht bekannt. Aber Hartmann und seine Begleiter im privaten U-Boot gehören zu den wenigen, die schon dort waren. «Mehrmals», lacht er, denn nur so könne er den Nachweis für die Zulassung beim Schiffs-TÜV, dem Germanischen Lloyd, erbringen.

Wie es da aussieht? «Wie eine Mondlandschaft, voller Schlamm, aber relativ fest.» Das kann der Experte für den Seeboden, Martin Wessels vom Institut für Seenforschung in Langenargen, nur teilweise bestätigen. Was dem Laien als «Wüste» erscheine, sei kleinräumiger, «mit Hügeln, Dellen, Trichtern». Mit seinen ferngesteuerten Spezialgeräten untersucht Wessels die Seetiefen ungemein präziser, als es Piccard zu seiner Zeit konnte – eine andere Geschichte, ebenso wie jene vom jüngsten Nachfahren

Piccards, Aaron Kreier aus Eschlikon, der 2006 als 14-Jähriger im eigenen U-Boot vor allem die Behörden aufscheuchte. Marcel Elsener



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