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Tagblatt Online, 27. März 2013, 08:26 Uhr

Die explodierenden Konflikte einer Patchworkfamilie

Buch der Woche

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Peter Buwalda (Bild: Rowohlt/Mikel Buwalda)


Mit seinem Romandébut «Bonita Avenue» ist dem aus Belgien stammenden Peter Buwalda ein Volltreffer geglückt: Ein spannendes Buch, das in den Niederlanden mit Preisen belohnt wurde und dessen deutsche Übersetzung gleich auf der Bestsellerliste gelandet ist.

Explosion in Fabrik und Familie

Mit einer gewaltigen Detonation explodiert in der niederländischen Stadt Enschede im Mai 2000 eine Feuerwerkfabrik, zerstört einen Stadtteil und fordert 23 Tote sowie 950 Verletzte. Diese Katastrophe ist Vorbote der Zerstörung einer Familienidylle in Peter Buwaldas Roman «Bonita Avenue».

Joni Sigerius, Stieftochter von Mathematikprofessor Siem Sigerius, betreibt mit ihrem Freund Aaron Bever erfolgreich ein zweifelhaftes Gewerbe, dessen Geschäftsfeld sie ihrer Familie verheimlicht. Was Joni nicht weiss: Ihr Stiefvater ist Kunde ihrer Firma, der mit der Zeit in einer illegalen Aktion herausfindet, dass sich seine Stieftochter in aufreizenden Posen fotografieren lässt und so zu grossem Geld kommt. Als er die Stieftochter und deren Freund überführen will, explodiert der Familienkitt genauso wie die Fabrik.

Das mag trivial klingen. Buwaldas Roman aber ist weitaus mehr als die Schilderung zweifelhafter Geschäftspraktiken im Internet. Da werden aus drei Erzählspektiven die Leben zweier Generationen geschildert: Die eine Generation ist noch vor dem Internetzeitalter, die andere mit Computern sozialisiert worden. «Bonita Avenue» ist ein Tableau der niederländischen Gesellschaft und zeigt Harmonie und Konflikte einer Patchworkfamilie auf.

Spiel mit Zeitebenen

Buwalda beherrscht in seinem Roman virtuos das Spiel mit den Zeitebenen, jongliert von einem Punkt zum nächsten, zurück und wieder nach vorne, er verrät manchmal einen Sachverhalt nur so weit, dass man mit quälendem Teilwissen an dem von Gregor Seferens übersetzten Pageturner kleben bleibt, weil man unbedingt erfahren will, wie sich die Familiengeschichte weiter entwickelt.

Buwalda zeigt sich als ein hervorragend recherchierender Erzähler. Seine Fakten zu den Geschehnissen rund um die Personen von «Bonita Avenue» stimmen bis in Details hinein. Der ehemalige Redaktor mehrerer literarischer Zeitschriften hatte die Redaktionsarbeit satt und wollte einen grossen Roman schreiben. Dafür zog er sich für drei Jahre zurück, um seinen in den Niederlanden, Belgien und Kalifornien handelnden Roman zu schreiben.

Judo und Jazz spielen dabei in «Bonita Avenue» eine Rolle: Weil der Fotograf und potenzielle Schwiegersohn Aaron sich in Akademikerkreisen minderwertig fühlt, baut er sein Wissen im Jazz, der Lieblingsmusik von Professor Sigerius, gezielt auf. Jede Woche trainieren die beiden Träger des schwarzen Gurtes zudem gemeinsam im Judoclub. Wilbert, der Sohn des Mathematikers aus erster Ehe, den der Vater ebenso vernachlässigt wie seine erste Frau, gerät auf die schiefe Bahn und verbüsst eine mehrjährige Haftstrafe. Als er das Gefängnis verlässt, beginnt sich das Schicksal der Familie in rasender Geschwindigkeit zu verdüstern.

Es passiert fast zu viel

Bonita Avenue lautete die Adresse der Familie während eines zweijährigen Aufenthalts in Kalifornien. Das war die einzige Periode, in der alle glücklich waren, nach der sie sich alle zurücksehnen. Dorthin setzt sich Joni nach dem Zusammenbruch der Familie ab, um mit ihrem Geschäftswissen ein Unternehmen weiterzuentwickeln. Mit ihrer Familie und mit Aaron, ihrem ehemaligen Lebenspartner, hat sie nach alldem, was sie erlebt hat, jeden Kontakt abgebrochen.

Die zahlreichen Fakten rund um das Geschehen in der Patchworkfamilie bergen eine Kehrseite: Die Vielfalt der Ereignisse ist an manchen Stellen zu übertrieben, das Leben der einzelnen Personen manchmal mit zu vielen Details gespickt.

Und ein einziges Mal gleitet Buwaldas Buch auch ins Kitschige ab, wenn Siem Sigerius seine Stieftochter Joni und ihren Freund Aaron überführt und gleichzeitig in eine hochnotpeinliche Situation gerät.

Michael Guggenheimer


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